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Mittwoch, März 18, 2009

Heinz Strunk: Die Zunge Europas


Titel: Die Zunge Europas : Roman / Heinz Strunk
Verfasser: Strunk, Heinz
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Reinbek bei Hamburg : Rowohlt
Erscheinungsjahr: 2008
Umfang/Format: 316 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-498-06398-6
Einband/Preis: Gebundene Ausgabe (Pp.) : EUR 19.90
Sachgruppe: Deutsche Literatur ; Belletristik

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Leseprobe beim Rowohlt Verlag

So ganz verstehe ich das Problem des Heinz Strunk nicht. Sicher: er hat langsam durchgestartet. Seine Zeit als Musiker war wenig glorreich. Auch mit seiner Humoristen-Karriere bei "Studio Braun" traf er eher eine kleine Marktnische - selbst wenn er sich als Vorreiter der weit verbreiteten Telefonstreich-Morningshow-Gags im Radio sieht. Aber solche Vorreiterrollen sind nun mal wenig finanzträchtig. Es folgten eine Reihe eigener Hörspielproduktionen, die bei Auflagen von 500 bis 1.000 Stück auch nicht für ein geregeltes Einkommen sorgten. Doch dann der Durchbruch: Fleisch ist mein Gemüse brachte es auf über 300.000 verkaufte Exemplare, wurde verfilmt, schließlich zur Operette verwurstet. Damit dürften die Finanzprobleme fürs Erste beseitigt sein.

Man hätte also denken können, dass sich Strunk für das Schreiben nun Zeit lassen kann - Zeit für einen sauberen Plot, Zeit für eine lesenswerte Geschichte. Doch sein zweites Buch Die Zunge Europas lässt von den Qualitäten, die Fleisch ist mein Gemüse hat, wenig durchscheinen. Während der erste Roman atmosphärisch dicht, lakonisch komisch und rund konstruiert ist, erinnert Die Zunge Europas eher an Schreibübungen. Wieder wirkt der Romans stark autobiographisch, aber statt den Bogen über mehrere Jahre zu spannen, wie er es in seinem literarischen Erstling tat, begnügt sich Strunk hier mit sieben Tagen im Leben seines alter egos Markus Erdmann. Das mag als Kunstgriff legitim sein. Den Makrokosmos seines autobiografischen Fundus hat Strunk bereits mit seinem ersten Buch umfassend geplündert und sich erzählerisch bis dicht an die Gegenwart herangearbeitet. Ohne Redundanzen wäre ein weiterer Jahre umfassender Bogen kaum machbar. Also ab in den Mikrokosmos des täglichen Kampfes gegen die Depression. Da aber das Leben des Markus Erdmann aus gepflegter Langeweile besteht, vermittelt auch der Roman nichts anderes.

Wir begleiten Erdmann bei seinen unglücklichen Versuchen, der eigenen Antriebslosigkeit ein Schnippchen zu schlagen: bei seinen Zappingtouren durchs Fernsehen, dem Besuch der (teilweise dementen) Großeltern, dem Versuch, einen Job als Drehbuchautor zu bekommen, der nächtlichen Kneipentour. Erdmann ist liiert, aber diese Beziehung zu Sonja ist ausgelutscht. Einst war sie seine große Liebe, eine Idealgestalt. Aber wie Idealgestalten im Alltag so sind: sie werden menschlich und die großen Gefühle schrumpfen zusammen. Nun taucht plötzlich Janne auf, eine alte Freundin aus Jugendtagen. Sie reißt ihn, wenigstens für einen Augenblick, eine Nacht lang, aus seiner Lethargie. Prompt beschließt er, sich von Sonja zu trennen.

In all dieser Hoffnungslosigkeit keimt die titelgebende Idee in ihm: sein Onkel Friedrich ist ein begnadeter Erzähler - lustig, pointiert, welterfahren. Wenn Erdmann diesen Onkel dazu bringen könnte, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen, dann wäre sein nächstes Buchprojekt mit einiger Sicherheit ein Erfolg. Onkel Friedrich war Kaffeeprüfer im Hamburger Freihafen, mit einer Zunge, die sonst nur große Weinkenner ihr eigen nennen. Dieser Fähigkeit, auch kleinste Geschmacksnuancen im Kaffee zu erkennen und einzuordnen, brachte ihm seinerzeit den Spitznamen "Die Zunge Europas" ein. Nur hat leider Onkel Friedrich überhaupt keine Lust, seinem Neffen seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Während in Fleisch ist mein Gemüse viel Wehmut mitschwingt und der Humor immer etwas Liebenswertes hat, ist Die Zunge Europas eine misanthropische Abrechnung mit dem Leben. Erdmann alias Strunk alias Halfpape gießt sein ganzes Füllhorn der Häme auf alles aus, was er beobachtet. Nichts hat vor seinem Blick Bestand, nichts zeigt sich wirklich lebens- oder gar liebenswert. Das ist auf die Dauer ermüdend, auch wenn ihm gelegentlich ein Bonmot gelingt, das - in weniger konzentriertem Kontext - durchaus witzig wäre.

Formal versucht er sich auf Neuland, indem er gelegentlich Infokästen an den Rand seines Textes setzt, in denen er Kommentare und weitere Informationen setzt, die im Haupttext nicht zu suchen haben. Auch am Rand machen sie nicht wirklich Sinn, sind aber zumindest ansatzweise als Gag akzeptabel. Die dort gegebenen Infos sind zuweilen mit Vorsicht zu betrachten. Wenn er etwa in einem solchen Kasten behauptet, Kiefernorthopäden könnten anhand der Badezimmerspiegelbeschmutzung präzise Angaben über Zustand des Gebisses, Zahnstand und Pflegezustand machen, verdeutlicht er zwar damit die beabsichtigte Funktion des Kastens als Pointe, senkt aber das Niveau des Romans gleichzeitig auf das des von ihm gerne beschimpften medialen Quatsch-Comedy-Overkills.

Stilistisch ist Die Zunge Europas weniger sicher als Fleisch ist mein Gemüse. Zwar schildert er auch hier große Teile in der von ihm bevorzugten ersten Person, so dass sich der Roman durchaus als Fortsetzung verstehen lässt. Doch hat Strunk hier weniger Hemmungen, gelegentlich die Perspektive zu wechseln, um sich die Lebensläufe derjenigen auszudenken, die ihm über den Weg laufen - und dann seitenweise aus ihrer Perspektive zu schreiben. Gut, die Gefahr, dass sich der Leser mit Erdmann identifiziert, ist ohnehin nicht so groß, denn anders als der Heinzer ist Erdmann in seiner arroganten Muffeligkeit ein absoluter Unsympath. Trotzdem reißen diese Perspektivwechsel aus dem Erzählstrom heraus. Sie wirken eher wie ein künstliches Blow-up einer zu kurz geratenen Sequenz denn als notwendiger Bestandteil des Plots. So, als habe Strunk beim Schreiben ständig überlegt, wo er dem Text noch etwas hinzufügen könne. Dies wirkt ähnlich deplatziert wie die seitenlangen Beschreibungen von im Fernsehen verfolgten Sendungen. Solche Berichte vom Fernsehalltag gab es immer mal wieder, sei es der Selbstversuch von Thomas Widmer für die Weltwoche oder die Fernseh-Tagebücher von Frank Weichhan (Mainpost) oder Holger Kreitling (Die Welt). Das bloße Beschreiben von TV-Inhalten der Privatsender ist wenig originell und ich frage mich beim Lesen unwillkürlich, ob ich mich hier dem literarischen Äquivalent des Unterschichtenfernsehens nähere. Dafür ist mir meine Zeit als Leser zu schade.

Was bleibt? Ein leicht bitterer Nachgeschmack. Ich hatte mich auf den neuen Strunk gefreut, um noch ein wenig im Feeling von Fleisch ist mein Gemüse baden zu können. Das hat mir Die Zunge Europas trotz des Fortsetzungscharakters nicht ermöglicht. Der Roman bot aber auch nichts Neues, Eigenständiges. Schade.

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