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Freitag, März 06, 2009

Heinz Strunk: Fleckenteufel


Titel: Fleckenteufel : Roman / Heinz Strunk
Verfasser: Strunk, Heinz
Ausgabe: Orig.-Ausg.
Verleger: Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsdatum: 16. Januar 2009
Umfang/Format: 219 S. ; 21 cm
Gesamttitel: Rororo ; 25224
ISBN: 978-3-499-25224-2
Einband/Preis: kart. : EUR 12.00
Schlagwörter: Scharbeutz ; Familienfreizeit ; Männliche Jugend ; Erwachsenwerden ; Geschichte 1977 ; Belletristische Darstellung

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Auch als Hörbuch erhältlich

Im letzten Herbst erschien anlässlich der Buchmesse in der Zeit eine Glosse über jene Autoren, die versuchten, auf den Charlotte-Roche-Zug aufzuspringen und ein Buch auf den Markt zu werfen, das so etwas wie einen männlichen Gegenpol zum Megaseller Feuchtgebiete darstelle. Dem Resümee des Schreibers zufolgen zeigten die Verlage an solcher Epigonen-Literatur wenig Interesse. Als ich jetzt aus unerfindlichen Gründen einmal recherchierte, wie viele Bücher in den letzten Wochen und Monaten tatsächlich erschienen, die aus Roches Husarenstück so etwas wie eine neue Literaturgattung abzuleiten versuchen, stieß ich gleich auf mehrere Veröffentlichungen. So das nur 57 Seiten dünne Bändchen Trockenzonen eines Schreiberlings, der sich selbst "Charles Roche" nennt. Oder Trockensümpfe, eine schnell zusammengestellte Anthologie zum Thema Sex, herausgegeben von einer nicht minder originellen "Susanne Halbleib" (Falls die Dame tatsächlich so heißt: an dieser Stelle mein herzliches Beileid. Immerhin ist sie mit diesem Namen prädestiniert für die Herausgabe erotischer bzw. halberotischer Literatur).

Ein Band fiel mir besonders auf: Fleckenteufel, schon im Design eng an la Roches Feuchtgebiete angelehnt, spielt während einer christlichen Familienfreizeit, die von einer Harburger Gemeinde initiiert wurde. Nun bin ich Harburger, christlich sozialisiert, und habe bisher überhaupt noch keinen Roman gelesen, der sich in irgendeiner Weise mit christlichen Freizeiten beschäftigt. Da der Autor noch dazu etwa im gleichen Alter ist wie ich, versprach ich mir den ein oder anderen Wiedererkennungseffekt beim Lesen.

Erst spät ging mir auf, dass es sich bei Heinz Strunk um einen ehemaligen Klassenkameraden von mir handelt, der im wahren Leben auf den Namen Mathias Halfpape hört. Auch dass Fleckenteufel nicht einfach ein Versuch ist, auf einen populären Zug aufzuspringen, um so seine Bekanntheit zu forcieren. Mathias alias Heinz Strunk hatte es vor ein paar Jahren bereits zu Bestsellererfolgen gebracht: mit dem Band Fleisch ist mein Gemüse - einen Titel, den ich damals für derart blödsinnig hielt, dass ich ihn bewusst boykottierte, trotz all der Lobeshymnen, die überall zu lesen und zu hören waren.

Nun also sah ich bei amazon.de das kauzige Promotion-Video zum Fleckenteufel, das der Rowohlt-Verlag in Auftrag gegeben hat und in dem ein stammelnder, nach Worten ringender Autor versucht zu erklären, warum das, was er schreibt, durchaus ernst zu nehmen sei. Was ich ihm beinahe glauben würde, wüsste ich nicht um seine staubtrocken ironische Art, mit der er auf das Bildungsbürgertum herabsieht. Schaut man sich das Konzept des Fleckenteufel genauer an und vergleicht es mit früheren Äußerungen Halfpapes über sich und seinen Stil, lässt sich das Video nur als gut platzierte Nebelkerze verstehen. Den kalkulierten Tabubruch als empathischen Versuch eines universellen Jugendromans zu verkaufen, sagt mehr über Mathias Halfpapes Blick auf den Kulturbetrieb und dessen Leichtgläubigkeit, als über den Inhalt des Werks.

In dem Clip intoniert er halbherzig dissonant "We shall overcome", um das Lesungspublikum in die nötige Stimmung für das Folgende zu versetzen. Auch das kennen wir schon aus Fleisch ist mein Gemüse - die unzähligen Liedzitate, die einen ganzen Schwanz an Erinnerungen beim Lesen evozieren. Dies klappt bei schrägen Schlagertexten ("Fleisch ist mein Gemüse") genauso gut wie bei Songs wie "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer", "Danke für diesen guten Morgen" oder "Von guten Mächten wunderbar geborgen"("Fleckenteufel"), die wir alle im Konfirmandenunterricht eingeatmet haben.

Die Handlung des Romans ist schnell umrissen: Thorsten Bruhn, so nennt sich der 16-jährige Ich-Erzähler, berichtet von einem evangelischen Ferienlager 1977 in Scharbeutz. Die Kids hausen draußen in den Zelten, die Erwachsenen in kircheneigenen Baracken mit Zweibettzimmern. Thorsten erlebt die Unsicherheit der Cliquenbildung, die Annäherung ans andere Geschlecht, die Macken der Erwachsenen. Er, der in seinen literarisch Interessen bisher zwischen Enid Blytons "Fünf Freunde"-Romanen und Landser-Heften schwankte, entdeckt Charles Bukowski, den sein Zeltnachbar Tiedemann in Gesamtausgabe bei sich führt. Die Jungs gehen schwimmen, oder in die Stadt, necken sich auf jugendlich-boshafte Weise, beobachten die anderen. So vergehen die Tage. Dann stirbt Elvis, und die Nachricht von seinem Tod erreicht mit einem Tag Verspätung auch Scharbeutz. Die Ferien enden in einem allgemeinen Anflug von Melancholie.

Fleckenteufel ist eben nicht durchkomponiert, wie manche Rezensenten meinen. Schnell umgesetzt, mit einigen netten Ideen, an denen Strunk schnell wieder die Lust verliert. So finden sich anfangs noch vollständige Andachten, die einen irritierenden Kontrapunkt zu all dem "Pipi-Kacki-Schwuli-Wichsi-Kotzi"-Humor bieten und für so etwas wie einen Subtext sorgen. Und zeigen: der Autor kann auch anders. Sorgsam ausgearbeitet, so dass zunächst nicht klar ist, ob Strunk hier mit den verschiedenen Ebenen spielt, oder sich lediglich besonders subtil über die christliche Szene lustig machen will. Hier setzt Strunk seine Kraft als Autor (bzw. sein Erinnerungsvermögen an kirchliche Freizeiten) in griffige Bilder um, die er im nächsten Augenblick durch eine abfällige Bemerkung über eben jene Andachten wieder zerstört. Statt diese Andachten gleichmäßig im Text zu verteilen und so Zäsuren zu schaffen, vergeht ihm nach zwei oder drei solcher Passagen die Lust; die Zitate werden kürzer und bleiben schließlich ganz aus. Das hat nichts mehr von Komposition, sondern eher von einer schnellen Improvisation. Eine zweite Subebene hält er besser durch: jene kursiv gesetzten Episoden, in denen er das Freizeitgeschehen in der Manier eines Landser-Hefts kolportiert: Erwachsenwerden ist ein ewiger Kampf, und diese Einbrüche einer Weltkriegswirklichkeit in den Alltag eines Ferienlagers haben einen gewissen postmodernen Touch.

Mehr oder weniger gelungen ist es ihm, die geschlechtliche Ambivalenz des heranwachsenden Thorsten zu zeigen. Einerseits sehnt dieser sich nach einer Beziehung zu seiner Freundin aus Kindertagen, Susanne Bohne. Auch hier kommen die Schilderungen nicht ohne die typischen Roche-Einsprengsel von riechenden Muschis und ähnlichen "Normalitäten" aus, die den Rahmen der Glorifizierung des weiblichen Idols abstecken. Andererseits wimmelt es im Text von homoerotischen Tagträumen, die zeigen, dass Thorsten in seiner geschlechtlichen Rollenfindung durchaus seine Position noch nicht definiert hat. Leider belässt es Strunk dabei, diese Tagträume unreflektiert in die mosaikartige Geschichte zu tupfen, so als lege er es mehr auf die damit einhergehende Provokation an, als sich tatsächlich mit seinem Protagonisten zu solidarisieren und Verständnis für ihn zu wecken. So, als wolle Heinz Strunk neben Pippi-, Kacka-, Wichs- und Kotz-Episoden, die alle ihren Platz im Roman finden, eben auch das Schwulsein irgendwie in den Text verwursten. Dies ist wohl der Hauptunterschied zum einfühlsamen Loser-Roman Fleisch ist mein Gemüse, der trotz allem augenzwinkernden Humors seinen Protagonisten ernst nimmt.

Insgesamt baut Strunk zu sehr auf den Fäkalhumor. Das ist weiß Gott nicht neu bei ihm. Auch in Fleisch ist mein Gemüse gibt es mehrere Episoden, in denen Furze und ihre Wirkung eine gewisse Rolle spielen. Aber nach dem Erfolg von Roches Feuchtgebieten scheint Heinz Strunk seine Energie darauf gelenkt zu haben, die einzelnen Problemchen seiner Verdauung bis in die letzte Geruchsnuance hinein zu beschreiben. Schon die ersten zehn Seiten seines neuen Romans beschäftigen sich mit nichts anderem als mit Notdurft. Und auch, wenn das Thema im Verlauf des Textes ein wenig in den Hintergrund rückt, ziehen seine Verdauungsbeschwerden sich doch als roter Faden durch den Text.

Als Valery Larbaud Anfang des 20. Jahrhunderts seine Gedicht-Sammlung Poèmes par un riche amateur mit einem lauten Furz beginnen ließ, mochte das als Skandal noch funktioniert haben. Aber schon Serge Gainsbourg konnte mit seinem Furz-Roman Evguénie Sokolov kaum noch punkten. Dabei hatte Gainsbourg die Blähungen zumindest noch als Allegorie auf den Kunstbetrieb verstanden wissen wollen. Bei Strunk nun bleibt von all dem nicht mehr als durchschaubarer Selbstzweck, einer offen kalkulierten und daher weitgehend wirkungsfreien Lust an der Provokation. Hatte Roche noch den missionarischen Impuls, mit dem Sauberkeitswahn ihrer Generation abzurechnen, bleibt bei Strunk außer der Lust "zu verarschen", wie er das nennen würde, nichts übrig. Seine Begegnung mit Charlotte Roche, mit der er zusammen ein paar Jahre zuvor auf Lesetour gegangen war, mag ihn zu den detaillierten Beschreibungen in Fleckenteufel inspiriert haben. Etwas Vergleichbares ist dabei nicht herausgekommen. Was das Buch im übrigen nicht hindert, sich derzeit auf den Bestsellerlisten seinen Platz zu erobern. Bei der Bahnhofsbuchhandlungskette k presse + buch brachte es der Fleckenteufel im März auf Platz 3 der Topseller, in die Spiegelliste ist er mit Platz 16 eingestiegen. Wie sagte Denis Scheck in Bezug auf die Feuchtgebiete: "Ein Platz auf den Bestsellerlisten war noch nie ein Garant für gute Literatur."
Leseprobe beim Rowohlt Verlag



Ende Februar interviewte Tina Mendelsohn für die 3sat Kulturzeit Heinz Strunk zu seinem Roman Fleckenteufel. Mehr über dieses Interview finden Sie unter Rezensionen: Kulturzeit vom 20.02.2009. Dort gibt es auch einen Link zum kompletten Beitrag mit Anmoderation.

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