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Freitag, März 13, 2009

Heinz Strunk: Fleisch ist mein Gemüse


Autor: Heinz Strunk
Titel: Fleisch ist mein Gemüse
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb.
Auflage: 27
Erscheinungsdatum: 1. Oktober 2004
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499237113
ISBN-13: 978-3499237119

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Lange habe ich mich gegen den Titel gewehrt. Fleisch ist mein Gemüse - das klang zu sehr nach "neuem deutschen Humor", nach "Maria, es schmeckt ihm nicht" und Fernseh-Comedy-Tristesse. Außerdem: was interessiert mich die niedersächsische Landjugend? Oder der Alltag einer Tanzkapelle? Ein Buch im Jägermeister-Werbungs-Look? Nein, danke.

Der einzige Grund, aus dem ich - Jahre nach dessen Hype - auf den Bestseller neugierig wurde, war die Tatsache, dass ich in dem sogenannten "Heinz Strunk" auf einem Video meinen einstigen Klassenkameraden Mathias erkannte. Mit ihm zusammen hatte ich seinerzeit am Gymnasium Musik Leistungskurs belegt. Ich glaube noch heute, unsere etwa zwölf Mann starke Clique war die einzige in ganz Hamburg, die je ihr Abitur in Jazz als erstem Prüfungsfach gemacht hat. Mathias immer mit dabei. Seinem Basiskönnen auf der Querflöte hatten wir zu verdanken, dass wir im Unterricht stunden- und tagelang Joe Hendersons "Blue Bossa" übten - wenn ich mich recht erinnere, einer Adaption der Titelmusik aus Marcel Camus' Film "Orfeu Negro".

Von Mathias Halfpape hatte ich nach dem Abitur nie mehr etwas gehört. Den blödsinnigen Wahlspot für "Die Partei" bei der Hamburg-Wahl 2008 habe ich zwar gesehen, in dem Redner aber nicht den einstigen Klassenkameraden erkannt. Ich hatte ihn ja nie zuvor in Anzug und Krawatte gesehen und wäre auch nie im Leben auf die Idee gekommen, er könne sich plötzlich partei-politisch engagieren. Außerdem sprach er in dem Clip in geschliffenem Deutsch - ganz gegen seine normale Gewohnheit. Mathias gehört nicht zu den Leuten, die so ohne weiteres einen Satz zu Ende sprechen, ohne drei Mal inne zu halten, mit diversen "äh's" nach dem passendsten Ausdruck zu suchen oder Satzteile (für Nichteingeweihte wahllos) zu wiederholen. Dabei entbehren seine Gedankengänge nicht eines gewissen Charmes, sind nicht ohne Witz - teilweise leicht spöttisch, herablassend, aber schließlich doch pointiert.

Die Idee nun, auf dem Weg über den Roman "Fleisch ist mein Gemüse" etwas über den Verbleib des Kauzes aus dem Musik-Leistungskurs zu erfahren, hatte etwas. Und da ich nun wusste, dass mit "Harburg" eben nicht Landleben und Landjugend gemeint war (hey, Harburg City gehört seit Hitlers Intervention zum Stadtstaat Hamburg!), sondern meine eigene "Szene"; da ich ebenso wusste, dass "Tanzkapelle" einen engen Zusammenhang zu dem hatte, was ich bis zum Abitur trieb, war die Neugier geweckt.

Ich bin im Nachhinein nicht sicher, ob meine Begeisterung für den Roman - denn eine solche wurde es - in einer Art Retro-Effekt begründet liegt, einer regressiven Freude am Altbekannten? Sicher, Mathias hat einen ganz eigenen Sprachduktus, der mir naturgemäß anheimelnd-bekannt vorkam. Aber ganz allein daran kann es nicht liegen, denn "Fleisch ist mein Gemüse" avancierte zum absoluten Bestseller. Mittlerweile ist der Roman verfilmt (vom Grimme-Preisträger Christian Görlitz), seit Neuestem gibt es eine "Operette".

Der Roman ist eine gelungene Mischung aus - kann man das so sagen? - Künstlerbiografie (Loosergeschichten haben ja derzeit Hochkonjunktur), Bildungsroman (das Erwachsenwerden des Protagonisten Mathias alias Heinz) und rotziger Szenesprache. Matthias schafft es, eine Atmosphäre in dem Roman aufzubauen, in der ich mich als Leser wohl fühle. Vieles von dem, was er beschreibt, ist unendlich trist. Aber in seiner lakonisch-witzigen Art schafft er es, einen fast versöhnlichen Blick auf all das Chaos um ihn her zu entwickeln, der in diesen tristen Zeiten gut tut. Er wird so zum Rollenmodell für eine ganze Generation. Denn viele von uns halten sich eher mit Jobs als mit krisensicheren Angestelltenverhältnissen über Wasser. Die Tristesse, die er beschreibt, kennen wir alle.

Deswegen ist es derart leicht, sich in ihn hineinzuversetzen. In seine Freundschaft mit der übergewichtigen Nachbarin, die schließlich Selbstmord begeht, genauso wie in seine rührende Sorge um die eigene Mutter, die an starker Depression leidet. In seine hilflose Suche nach einer Partnerin ebenso wie in sein "Gefrickel" an eigenen Tapes, mit denen er irgendwann seinen großen Durchbruch als Musiker feiern will. Um es vorweg zu nehmen: es wird keinen großen Durchbruch geben. Vielleicht der größte Umbruch wird es sein, sich von seiner langjährigen Tanzband "Tiffanys" zu lösen, und nicht bis zum Rentenalter im Pink-Panther-Outfit auf Hochzeiten und Schützenfesten zu spielen.

Einen spannenden Plot sucht der Leser in dem Roman vergebens. Mathias Halfpape alias Heinz Strunk ist eher ein Meister der kleinen Beobachtungen, der lakonischen Bemerkungen und eines trotzigen Ich-lasse-mich-nicht-unterkriegen-Feelings. Nebenbei fügt er immer wieder kleine zeitgeschichtliche Einsprengsel ein, die einem das Gefühl für die Zeit zurückgeben. Wie war das damals, als Helmuth Kohl Helmut Schmidt als Kanzler ablöste? Wie war das mit Matthias Rust und seinem Kreml-Flug? Dies ist eine jener Stärken seines Romans, die Halfpape/Strunk auch für das Feuilleton empfahl. Es hebt seine leicht schnodderige Looser-Geschichte aus der Masse heraus und platziert sie im Bildungsbürgertum. Mit Wiedererkennungswert: ja, so war das damals. Das kennen wir. Empfehlenswert.

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