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Mittwoch, April 08, 2009

Lambrecht/Baars: Mission Gottesreich


Titel: Mission Gottesreich : fundamentalistische Christen in Deutschland / Oda Lambrecht ; Christian Baars
Verfasser: Lambrecht, Oda ; Baars, Christian
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Links
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 246 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-86153-512-6
Einband/Preis: kart. : EUR 16.90 (DE), EUR 17.40 (AT)
Schlagwörter: Deutschland ; Fundamentalismus ; Christentum
Sachgruppe: Theologie, Christentum

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Der Titel führt in die Irre. Egal, wie radikal die Positionen der einzelnen evangelikalen oder charismatischen, bibeltreu freikirchlichen Gemeinden oder Gruppen auch sind: als fundamentalistisch würden sie alle sich nicht bezeichnen. Insofern werden sie sich durch dieses Buch, das einen guten Überblick über die radikal-christliche Szene in Deutschland gibt, auch nicht angesprochen fühlen. Dies ist das Kernproblem des Buches: Oda Lambrecht und Christian Baars sind Journalisten, ihr Blick kommt von außen, wird aber oft den theologischen Positionen und Feinheiten des Gemeindelebens nicht gerecht. Insofern mag "Mission Gottesreich" akribisch dokumentiert sein - doch kaum ein Evangelikaler wird sich darin wiederfinden.

Das Gleiche gilt für einige der Behauptungen des Buches. Sicher, die bibeltreuen Christen proklamieren immer wieder für sich, die Bibel wörtlich zu nehmen. Und dabei kommt es zu ungewöhnlichen Phänomenen wie dem Kreationismus. Aber wenn Baar und Lambrecht die Floskeln der Szene nachbeten, die fundamentalen Christen würden jegliches historisch-kritische Herangehen an die Bibel ablehnen, geben sie lediglich verbreitete Propaganda weiter. Das Problem der evangelikalen Szene ist ja eben, dass sie (mehr oder weniger wahllos) die historisch-kritische Keule immer dort ansetzen, wo diese ihr eigenes Weltbild unterstützt. So wird z.B. Paulus' Verhältnis zu Frauen oft und gern historisch-kritisch relativiert, um die aktive Rolle der Frauen in den Gemeinden zu legitimieren. Dieser pragmatische Umgang mit der Bibel als Legitimation der eigenen Weltanschauung wird von den Autoren leider nicht durchschaut. Statt dessen werden - oft im O-Ton - die Selbsteinschätzungen der Gruppen in den Mittelpunkt gerückt. Und die schrammen leider oft an der Wahrheit vorbei - auch wenn sie diese für sich proklamiert.

Auch ist den beiden Autoren ein gewisser Hang zur Manipulation nicht abzusprechen. Ganz offensichtlich hatten viele Gemeinden kein Interesse an einer Zusammenarbeit bei dem Projekt. Baars und Lambrecht geben oft auch unumwunden zu, keine Stellungnahmen der jeweiligen Gemeinden bekommen zu haben. So weit, so gut. Absurd wird es, wenn in dem Zusammenhang dann bei jedem Absatz neu angefügt wird, dass ein Prediger zu diesem speziellen Problem keine Auskunft gegeben habe. Richtig sicher insofern, da er sich überhaupt nicht geäußert hat. Unsinnig aber, weil es den Sachverhalt verfälscht: den beiden war es eben nicht gelungen, die Person überhaupt zu einem Gespräch oder einem Kommentar zu bewegen. Dies aber ist etwas grundsätzlich anderes als zu einem bestimmten Thema die Aussage verweigert zu bekommen, wie oft im Text suggeriert wird.

Dabei wäre eine tiefere Analyse der evangelikal-charismatischen Szene in Deutschland dringend nötig. Freikirchliche Gemeinden und Gruppen gibt es zuhauf. Über eine Million evangelikale Christen soll es in Deutschland geben. Für jede der Gemeinden gibt es eine ganze Reihe von Ehemaligen, die an den selbstgerechten Kodizees der Gemeindeleitung gescheitert sind - und von daher Übles zu berichten wissen. Diese kommen in "Mission Gottesreich" zahlreich zu Wort. Sie berichten von ihren Erfahrungen, von sozialen und gruppenpsychologischen Prozessen, zuweilen auch von obskuren Praktiken. Hier wäre ein Blick von innen hilfreich, ein Versuch zu verstehen, wie es überhaupt zu solch radikalen Tendenzen kommen kann. Leider fehlt dieser Schritt weitestgehend. Die Autoren begnügen sich im Aufzeigen - und greifen damit zu kurz. Hier wäre es hilfreich gewesen, den Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit radikaler Gemeinden aufzuzeigen - eine Diskrepanz, für die bei dem Konzept der Freak-Show, mit dem die Autoren Baars und Lambrecht an das Thema herangehen, kein Platz bleibt. Ihr Ansatz funktioniert nur insoweit, als sie die Auswüchse fundamentalistischen Christentums als rein soziologisches Phänomen betrachten. Die Probleme eines christlichen Fundamentalismus unter der Voraussetzung einer Existenz Gottes bleiben außen vor, und sei es als Gedankenspiel. Aber kann ein Buch funktionieren, wenn es schon die Grundannahme des zu beschreibenden Gebietes nicht ernst nimmt? Insofern wundert es nicht, wenn das Buch für Mitglieder von freikirchlichen Gruppen bzw. deren Angehörigen kaum greifbare Ansatzpunkte bietet.

So wird Lambrecht und Baars "Mission Gottesreich" zu einer vergnüglichen Sight-Seeing-Tour, die auf knapp 250 Seiten eine Menge wirrer Phänomene abgrast, die interessantesten Schauplätze der deutschen evangelikalen Szene ansteuert, mit vielen O-Tönen kurz verweilt, um dann zum nächsten Thema überzugehen. Das ist amüsant, an manchen Punkten auch erschreckend. Aber es bleibt sehr an der Oberfläche. Das Buch reiht sich nahtlos ein in Reportagen wie "Jesus Camp" oder "Religulous". Es verschafft Einblicke, schafft einen gewissen Schauer über nicht nachvollziehbare Praktiken, bleibt dabei aber in der Rolle der Freak-Show stecken. Weder gelingt es ihm, die Positionen der christlichen Fundamentalisten wirklich transparent zu machen, noch reicht es für eine system-immanente Kritik des bibeltreuen Glaubenslebens. Damit grenzt sich die Zielgruppe für dieses Buch enorm ein. Für Angehörige oder Betroffene, die sich zu lösen versuchen, ist es zu oberflächlich, für Aktive fehlt die Auseinandersetzung mit den inneren Widersprüchen und Fachleuten werden den wissenschaftliche Ansatz (egal ob theologisch, soziologisch, psychologisch oder gar inter-disziplinär) vermissen. Gut ist es, um sich einen ersten Einblick über das Thema zu verschaffen. Wer Bill Mahers Film "Religulous" mochte, wird auch hier eine Menge Grund zum Kopfschütteln finden.
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