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Donnerstag, April 09, 2009

Lisa Appignanesi: In der Stille des Winters


Titel: In der Stille des Winters : Roman / Lisa Appignanesi
Aus dem Engl. von Wolf-Dietrich Müller
Verfasser: Appignanesi, Lisa
Ausgabe: 5., Aufl.
Verleger: Berlin : Aufbau-Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr: 2005
Umfang/Format: 412 S. ; 19 cm
Gesamttitel: Aufbau-Taschenbücher ; 2181
Originaltitel: The dead of winter
ISBN: 3-7466-2181-X
Einband/Preis: kart. : EUR 6.00, sfr 11.20
Sachgruppe: Englische Literatur ; Belletristik

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Eine Aufführung von Ibsens "Hedda Gabler" und die Weite des winterlichen Kanadas stehen am Anfang dieses atmosphärisch dichten Romans. Madeleine Blais heißt die Schauspielerin in der Rolle der Hedda, jener Frau, die - unter ihrer Beziehung und der Banalität des Alltags leidend - sich am Ende des Stücks erschießt. Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag, mit dem Tod Madeleines: Pierre, der von ihr getrennt lebende Ehemann, findet sie erhängt in einer Scheune baumelnd. Zunächst sieht alles nach Selbstmord aus, vielleicht sogar ausgelöst durch die überempathische Identifikation mit ihrer Rolle. Doch ihre Großmutter zweifelt an dieser Theorie. Und bringt Pierre dazu, Nachforschungen anzustellen.

Was wie ein Krimi beginnt, entpuppt sich auf den nächsten hundert Seiten als Beziehungsroman: Schritt für Schritt erinnert sich Pierre an die erste Begegnung mit Madeleine, an ihre gemeinsame Zeit, an die Probleme, den ihr Beruf mit sich bringt. Über weite Strecken fühlte ich mich beim Lesen an den Film Meine Frau, die Schauspielerin von Yvan Attal erinnert. Denn auch Pierre leidet an der Öffentlichkeit seiner Frau, an den Liebesszenen, die er nur auf der Leinwand beobachten kann und an der ständigen Abwesenheit Madeleines. All dies ist einfühlsam geschrieben, liest sich leicht, führt aber nirgendwo hin. Die Frage, ob nun Selbstmord oder Mord, steht unbeantwortet im Raum; neue Spuren gibt es nicht.

Im zweiten Teil des Romans nimmt die Handlung langsam an Fahrt auf. Mögliche Täter tauchen auf, Kleinkriminelle, die in einem Abbruchhaus mit Drogen dealen. Ein Kommissar aus Montreal schaltet sich in die Ermittlungen ein. Auch Pierre gehört jetzt zu den Verdächtigen, und in einem verwirrenden Augenblick des Verhörs weiß er selbst nicht mehr, ob er etwas mit dem Tod Madeleines zu tun hat. Er wird bedroht, eine Fensterscheibe seines Hauses wird eingeworfen, seine Katze brutal ermordet. Nun liegt Gefahr in der Luft, und in dieser aufgeladenen Atmosphäre gewinnt "In der Stille des Winters" an Tempo, entwickelt einen Sog, der mich bis zum Ende nicht mehr losgelassen hat.

Das "Hamburger Abendblatt" hat Lisa Appignanesis Stil mit Henning Mankell verglichen, mit jener langsamen Erzählweise, in der viel Platz für Beobachtungen, für Atmosphäre und nachdenkliche Momente bleibt. Das mag auf die zweite Hälfte des Romans zutreffen. In der ersten Hälfte jedoch fehlt In der Stille des Winters die Richtung, das Ziel. Der Tod Madeleines in der Scheune gleich zu Anfang des Romans ist ein Trick, den Krimileser bei der Stange zu halten, denn die folgenden Seiten haben zunächst ein ganz anderes Ziel und könnten als Psychogramm einer gescheiterten Ehe durchaus für sich stehen. Wer sich darauf nicht einlassen mag, ist mit diesem Buch falsch beraten.

Mich hat dieser Band über mehrere Monate begleitet. Immer mal wieder las ich ein paar Seiten, lies mich in die Atmosphäre des winterlichen Kanadas entführen, und hatte einen Moment Anteil an der melancholischen Beziehungsgeschichte der beiden Protagonisten. Und obwohl mir der Stil Appignanesis gut gefiel, packte mich der Roman lange nicht. Nicht, dass er mich kalt ließ - sonst hätte ich ihn weggelegt. Aber es trieb auch nichts voran. Pierre und Madeleine wurden zu Freunden, die ich gelegentlich sah, mit denen es mir gut ging, die mich aber nicht dazu drängten, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Dies änderte sich schlagartig, als "In der Stille des Winters" an Fahrt aufnahm und sich der Roman zum Krimi entwickelte. In jenem zweiten Teil funktioniert der Spannungsbogen. Die Geschichte wurde zum Pageturner: die letzten zweihundert Seiten verschlang ich an einem Nachmittag.

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