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Mittwoch, Mai 20, 2009

Ronnith Neuman: Tod auf Korfu


Titel: Tod auf Korfu : Kriminalroman / Ronnith Neuman
Verfasser: Neumann, Ronnith
Ausgabe: Ungekürzte Ausg., 1. Aufl.
Verleger: Berlin : List
Erscheinungsjahr: 2008
Umfang/Format: 457 S. ; 19 cm
Gesamttitel: List-Taschenbuch ; 60811
ISBN: 978-3-548-60811-2
Einband/Preis: kart. : EUR 8.95

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Korfu ist eine wunderschöne Insel. Leider gibt es nicht viele Romane, die hier spielen. Werner von der Schulenburgs "Der König von Korfu " fällt mir ein - ein historischer Roman, der zur Zeit der Belagerung durch die Türken 1716 spielt. Dann natürlich "Das dritte Prinzip " mit einigen wunderschönen Beschreibungen der Insel. Allerdings spielt dieser Roman nicht nur auf Korfu selbst, sondern zumindest anfangs in Hamburg und Paris. Relativ neu erhältlich ist Ronnith Neumans "Tod auf Korfu".

Der Roman taucht tief in die deutsche Geschichte ein und ist diesbezüglich sauber recherchiert: Gegen Ende des zweiten Weltkriegs kam es in Griechenland immer wieder zu Säuberungsaktionen durch deutsche Einheiten. Ganze Dörfer wurden als Vergeltungsmaßnahmen dem Erdboden gleich gemacht. Gefangene wurden in die KZs verfrachtet und dort zum Teil als Versuchsperson für die medizinische Forschung eingesetzt. All dies bildet den ernsten Hintergrund für eine aktuelle Story, in der es um eine Serie von Morden auf Korfu geht: inszenierte, rituelle Morde, die zum Teil auf SM-Praktiken deuten.

Hauptkommissar Alexandros Kasantzakis, der sich eigentlich auf Korfu zurückgezogen hat, weil ihm die Arbeit bei der Athener Polizei zu hektisch war, macht sich mit seinem Team an die Ermittlungen. Relativ schnell stellt er fest, dass der Mörder durch die Inszenierungen der Tatorte eine Botschaft loswerden will. Doch braucht er relativ lange, bis er die einzelnen Puzzlesteine zu einem Gesamtbild zusammengefasst hat.

Ihm zur Seite steht die Kunstfotografin Kristina Tzavrou, die eigentlich ihre Zeit mit der Vorbereitung ihrer neuen Ausstellung verbringen sollte, aber ständig dazu geholt wird, wenn es ums Ablichten eines Tatorts geht. Sie ist die eigentliche Hauptperson des Romans. Wenn sie anfängt, auf eigene Faust zu recherchieren, bekommt der Roman Tempo und Farbe. Denn da sie zwar für, aber nicht bei der Polizei arbeitet, hat sie ihren ganz eigenen Möglichkeiten, an Fakten heranzukommen.

Daneben wird der Roman regelmäßig durch Tagebucheintragungen unterbrochen. Zunächst wird nicht ganz klar, wer der Autor dieser Passagen ist. Doch mit der Zeit fügen sich die Informationen aus diesen Abschnitten nahtlos in das Gesamtbild ein und helfen dem Leser, parallel und zuweilen vor Polizei und Kristina, zu verstehen, was sich auf Korfu tatsächlich ereignet hat.

Ein wenig Zeit zum Einlesen sollte der geneigte Leser sich schon nehmen. Der Roman wirkte auf mich auf den ersten Seiten wie ein Anfängertext: ärgerlich redundant, Überflüssiges betonend ("Kein Suizid!" - "Also kein Selbstmord?" - "Nein, kein Selbstmord."), ein wenig unbeholfen. Zum Glück kommt Ronnith Neuman dann in Routine, der Text liest sich bald flüssiger. Und schnell stellt sich heraus, dass Neumans Stärke vielleicht nicht in der Formulierkunst, wohl aber im Plotten eines Romans liegt. Denn ihr Text nimmt zusehends an Fahrt auf und steigert sich bis zum furiosen Ende hin in bester Mankell-Manier. Nur gelegentlich gehen ihr dabei ein wenig die Pferde durch, so dass die Auflösung zu einer Mischung aus Edgar Wallace und Tolkien'schem Gollum gerät. Für ihren ersten Roman mag der Leser ihr das verzeihen. Insgesamt vermittelt "Tod auf Korfu" viel von der Stimmung eines Sommers auf der Insel und ist somit als Urlaubslektüre bestens geeignet - solange man sich vom Thema nicht die Laune verderben lässt.

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