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Montag, Juli 20, 2009

Charles den Tex: Die Zelle


Titel: Die Zelle : Thriller / Charles den Tex
Aus dem Niederländ. von Stefanie Schäfer
Verfasser: Tex, Charles den; Schäfer, Stefanie [Übers.]
Ausgabe: Dt. Erstausg.
Verleger: Dortmund : Grafit
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 446 S. ; 20 cm
Originaltitel: Cel [dt.]
ISBN: 978-3-89425-659-3
Bestellnummer: 659
Einband/Preis: Pp. : ca. EUR 19.90

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Die Grundidee von Charles den Tex neuem, gerade auf deutsch erschienenen Roman "Die Zelle" ist mittlerweile nicht mehr neu - bereits vor Jahren wurde sie in Filmen wie "Das Netz " mit Sandra Bullock oder in Romanen wie T.C. Boyles "Talk Talk " umgesetzt: Der Kommunikationsexperte Michael Bellicher verliert seine Identität - sie wird ihm via Internet kopiert und entwendet. Auf seinen Namen - und mit seinem Geld - wird ein altes Haus gekauft, ebenso ein Auto; ein Mann wird mit dem auf Bellicher registrierten Wagen angefahren und schwer verletzt. Schließlich wird sogar ein Juwelier mithilfe des Wagens überfallen. So ist es kein Wunder, dass die Polizei hocherfreut ist, als Bellicher mit der Polizei Kontakt aufnimmt. Eigentlich wollte er nur einen Autounfall melden, den er aus der Distanz beobachtet hat. Doch kaum ist die Polizei am Unfallort eingetroffen, wird er verhaftet und über Tage verhört.

Die Methoden, die die Polizei anwendet, kennt der Kommunikationsexperte nur zu gut. So ist er nicht nur in der Lage zu analysieren, was da mit ihm geschieht, sondern kennt auch einige Tricks, mit denen er sich zur Wehr setzen kann. Später, als ihn der BVD in die Mangel nimmt, ist es gar noch einfacher für ihn, die Mechanismen zu durchschauen: denn an den Verhörmethoden hatte er seinerzeit, bei einem seiner letzten Aufträge, selbst mitgearbeitet. Nur hätte er nie gedacht, einmal auf der anderen Seite stehen zu müssen.

Diese "andere Seite" ist das, was den Roman über die 450 Seiten hinweg spannend hält. Denn den Tex schildert nicht nur Bellichers Kampf als Opfer-Dasein, gegen das er mit allen verfügbaren Mitteln ankämpft. Indem er durch seine verlorene Identität zwischen alle Fronten gerät, schafft er einen tiefen Einblick in die Kontrollstrukturen der niederländischen Gesellschaft. den Tex's Beschreibung von Verhörszenen und Aktionen des Geheimdienstes haftet etwas Klaustrophobisches an, das umso tiefer unter die Haut geht, als es den ganz normalen Wahnsinn jeder Staatssicherheit wiedergibt.

Hinter dem Datenklau steckt - und das ist sicherlich ein Hinweis auf den Zustand der niederländischen Stimmungslage - eine islamistische Tarnorganisation, die fremde Identitäten für teures Geld ankauft. Denn die Hacker - so den Tex in seinem Roman - sind in den seltensten Fällen die Verwerter solcher Identitäten. Die Hacker, dass sind oft kleine Computerfreaks, die keine Ahnung davon haben, was mit den von ihnen zusammengesuchten Daten wirklich passiert. Davon, dass sie durch ihre Arbeit den weltweiten Terror unterstützen.

Martin Bellicher nun gerät unfreiwillig zwischen alle Fronten. Polizei und Geheimdienst sind hinter ihm her, der Freundeskreis des Hackers und der türkische Untergrund Amsterdams. Nur sehr langsam begreift er, warum das alles so passiert, wie es ihm passiert. Er lernt, dass er keinen Einzelfall darstellt. Das Phänomen des Datenklaus ist so verbreitet, dass es bereits Selbsthilfegruppen identitätsgeschädigter Internetuser gibt. Der Datenklau geht in die Millionen. Damit zeigt Charles den Tex in "Die Zelle" ein Potential der Internet-Kriminalität auf, von dem wir als Internetnutzer bisher nur ahnen. Denn - so den Tex - einen Hack zu benutzen, um Geld von einem fremden Konto zu überweisen, ist lediglich der Job von Anfängern. Mit Identitäten lässt sich wesentlich mehr Geld machen - und je mehr Daten über jemanden im Internet verfügbar sind, desto leichter funktioniert das Anlegen eines persönlichen Portfolios: mit Foto, Geburtsdatum, Adresse, Bankverbindungen und Passwörtern. Je vollständiger solche Informationen zusammengestellt werden, desto mehr Geld kann so ein Datensatz bringen.

Wie gesagt: all das ist theoretisch längst bekannt und auch schon zu Romanen und Filmen verarbeitet worden. Bei den Tex "Die Zelle" entsteht während des Lesens jedoch ein Sog, der daher rühren mag, dass der Leser vielleicht zum ersten Mal begreift, wie viel all das mit ihm selbst zu tun hat. Kein Wunder, dass "Die Zelle" in den Niederlanden zum meistverkauften Buch des Jahres wurde.

Leseprobe beim Grafit Verlag

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