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Donnerstag, Juli 02, 2009

Tomas Ross: Der Tod des Kandidaten


Titel: Der Tod des Kandidaten : Roman ; [warum musste Pim Fortuyn sterben? ; Kriminalroman] / Tomas Ross
Aus dem Niederländ. übers. und mit einem Anh. vers. von Matthias Müller
Verfasser: Ross, Tomas; Müller, Matthias [Übers.]
Ausgabe: Dt. Erstausg.
Verleger: München : Dt. Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 316 S. ; 20 cm
Gesamttitel: dtv ; 21127
Originaltitel: De zesde mei [dt.]
ISBN: 978-3-423-21127-7
Einband/Preis: kart. : EUR 9.95

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Ein Politiker wird ermordet. Kein gewöhnlicher Abgeordneter, sondern ein illustres Kerlchen, das die niederländische Politik gerade gehörig aufmischte. Das sich offen zu seiner Homosexualität bekannte und gegen die Islamisierung der Nation wetterte. Ein Rechtspopulist, der aller Meinungsforschung zufolge das Zeug hatte, der nächste Ministerpräsident der Niederlande zu werden. Am 6. Mai 2002 wird er von einem radikalen Tierschützer ermordet. Heißt es. Das riecht ein wenig nach Lee Harvey Oswald, ein wenig zu absurd, um so - wie es die Medien berichteten - wahr zu sein.

Und da das Vertrauen der Bevölkerung der Niederlanden in ihren Verfassungsschutz derzeit auf einem historischen Tiefstand liegt, bietet es sich nahezu an, dass ein gewiefter Journalist die Fakten rund um den Mord zusammensucht und diese zu einem Buch verarbeitet. Sind die Fakten gesichert, bietet sich ein Sachbuch an. Ist die Quellenlage unsicherer (oder deren Veröffentlichung bedrohlicher), ist die Wahl eines Romans deutlich vorzuziehen.

Der Name des Journalisten, der sich daran machte, die Fakten um den Mord am niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn zu einem Buch zu verarbeiten, ist Willem Pieter Hogendoorn. Er ist für das Thema Verfassungsschutz bestens sensibilisiert, arbeitete sein Vater doch beim niederländischen Inlandsgeheimdienst BVD. Bereits ein Jahr nach dem Mord an Fortuyn veröffentlichte Hogendoorn unter dem Pseudonym "Tomas Ross" den Roman "De zesde mei", nun - sechs Jahre später - auch auf deutsch unter dem Namen "Der Tod des Kandidaten" erschienen.

Darin erzählt er die - fiktive - Geschichte van Anke Luyten, einer ehemaligen Freundin des späteren Mörders, die vom Geheimdienst angeworben wird, um ihren Ex auszuspionieren. Denn der BVD hat längst Wind davon bekommen, dass ein Politikermord ins Haus steht. Fast nebenbei zeigt Hogendoorn alias Ross die Mechanismen, mit denen Anke in die Zusammenarbeit getrieben wird. Nur: es geht in diesem Roman nicht um ein Gut gegen Böse. Der Geheimdienst hat kein Interesse daran, den Mord zu verhindern. Im Gegenteil.

In einer zweiten Ebene des Romans erlebt der Leser die letzten Wochen und Tage des Pim Fortuyn aus dessen Perspektive nach. Wir tauchen ein in seine Gedankenwelt, erleben ihn auf Wahlkampfveranstaltungen ebenso wie in seinem privaten "Palazzo" (dessen Inventar dieser Tage versteigert wurde). Diese Ausschnitte aus seinem Leben reichen vielleicht nicht, um Fortuyn sympathisch werden zu lassen, helfen jedoch, das politische Beziehungsgeflecht in den Niederlanden 2002 besser zu verstehen.

Dazu hilft auch die dritte Perspektive, die in den Roman hineingeflochten ist: Jim de Booy ist als Zeitungsfotograf so etwas wie das alter ego des Autors. Er recherchiert die Fakten rund um die Protagonistin Anke und zeichnet so ein Bild der radikalen Tierschützer, aus deren Umfeld der Mörder stammt. Und er entwickelt sich zum Hoffotografen Fortuyns, ist auf den wichtigsten Wahlkampfveranstaltungen dabei und macht sich sein eigenes Bild vom Auftreten des Politikers.

Ross versucht sich gar nicht erst an einer Schwarz-Weiß-Zeichnung der politischen Situation. Er weiß, dass Fortuyn nur deswegen derart populär werden konnte, weil er in etlichen Punkten recht hat und in anderen zumindest die Meinung eines Großteils der Bevölkerung trifft. So tauchen im Roman immer wieder Immigranten auf, die Fortuyn zumindest teilweise zustimmen. Und auch bei den anderen Akteuren findet sich selten klare Ablehnung oder Zustimmung, sondern immer das unsichere Gemisch aus Anziehung und Ablehnung.

Dass Tomas Ross mit seinem Roman "Der Tod des Kandidaten" auch auf die gesamte politische Führung der Niederlande jener Jahre Bezug nimmt und seine Spitzen verteilt, macht die Lektüre für den deutschen Leser ein wenig kompliziert. Allerdings merkte ich, dass dies für die niederländischen Leser mit Sicherheit zu dem gehobenen Spaß während des Lesens gehört haben muss - wünschte ich mir doch, dass ein deutscher Autor den Mut aufbringt, derart despektierlich über die hiesigen politischen Lager zu schreiben. Vergleichbare Kriminalromane sind in Deutschland rar - obwohl es Themen genug gäbe.

Die Niederländer sind mit dem Roman jedenfalls glücklich. Dort erhielt Ross den „Gouden Strop“ für den besten Spannungsroman des Jahres. Und hier in Deutschland hat es das Buch zumindest auf die "KrimiWelt Bestenliste" als eins der zehn wichtigsten Kriminalromane im Juni 2009 geschafft. Wer sich auch nur ansatzweise für die Politik unseres Nachbarlandes interessiert, oder wer sein Gespür für die Machenschaften der Geheimdienste nicht ganz verlieren will, ist mit "Der Tod des Kandidaten" von Tomas Ross bestens bedient.

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