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Donnerstag, November 26, 2009

David Benedictus: Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald


Rückkehr in den Hundert-Morgen-Wald

Titel Pu der Bär, Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald : nach den Geschichten um Pu, den Bären von A. A. Milne / David Benedictus
Aus dem Engl. von Harry Rowohlt
Ill. von Mark Burgess im Stil von E. H. Shepard
Personen Benedictus, David ; Rowohlt, Harry [Übers.]
Verleger Hamburg : Dressler
Erscheinungsjahr 2009
Umfang/Format 206 S. : zahlr. Ill. ; 22 cm
Originaltitel Return to the Hundred Acre Wood
ISBN 978-3-7915-2679-9
Einband/Preis Pp. : EUR 14.90

Als Christopher Robin sich seinerzeit aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald verabschiedete, war das für alle sehr traurig. Pu, Ferkel, und wir, die Leser, wussten, dass die Welt eine andere werden würde, wenn Christopher Robin erst einmal in die Schule ginge und dann nicht mehr so viel Zeit mit seinen kleinen Freunden verbringen würde. David Benedictus hat die Geschichte jetzt weitergesponnen, die A. A. Milne einst für seinen kleinen Sohn erdachte.

So gehen die Abenteuer weiter. Pu sucht nach den Bienen, weil sie den alten Baum verlassen haben. Eine Fischerotterdame taucht auf und macht es sich zunächst in Christopher Robins Badewanne und später bei IA gemütlich. Tigger träumt von Afrika, weil er meint, von dort abzustammen, erfährt aber schließlich, dass es in Afrika gar keine Tiger gibt. Und irgendwann bleibt der Regen aus, was ziemlich blöd ist, weil dann der Bach kein Wasser mehr hat. Lauter kleine Abenteuer mit den alten Protagonisten, die vom Stil her tatsächlich gut zu einem etwas älter gewordenen Lesepublikum passen.

Harry Rowohlt, der Übersetzer, sagt, er habe sich ursprünglich vorgenommen, die neuen Geschichten zu hassen (so, wie es für echte Fans des Originals eine Konvention ist, die Disney-Geschichten um Pu, den Bären zu hassen). Dann aber wäre er erstaunt gewesen, wie dicht die neuen Geschichten am Original lägen. Und so kümmerte er sich nicht nur um die Übersetzung, sondern las den Text auch gleich als Hörbuch ein. Und im Hörbuch, in der typischen Rowohlt-Diktion, ist der Unterschied zum Original dann tatsächlich nicht mehr wahrnehmbar.

Eins ist anders geworden beim neuen Pu. Wenn Christoper Robin in die Schule geht, dann hält die Pädagogik im Hundertsechzig-Morgen-Wald Einzug. Und zwar gewaltig, bis zur Schmerzgrenze.

So gewaltig, dass es selbst Übersetzer Harry Rowohlt teilweise zuviel wird. So summt der neue Pu bei Benedictus des Morgens höchst edukativ vor sich hin, man müsse Honigtöpfe in der Reihe aufstellen, wenn man sie zählen wolle. Tiefer Seufzer meinerseits, ein Schlag mit der pädagogischen Holzkeule - so etwas riechen selbst Kinder sofort. Rowohlt entschied sich dafür, dies für die deutschen Leser etwas umzubiegen: "zählen ist schöner, wenn die Sonne scheint" heißt es in seiner Übersetzung. Er hinterläuft damit Benedictus' Ambitionen, und streichelt dafür die Seele seiner Leser mit Pu-Logik.

Die meisten pädagogischen Seitenhiebe des englischen Originals sind allerdings noch enthalten. Einige wenden sich an den erwachsenen Leser. So kriegt es Benedictus fertig, in seiner Episode über die große Trockenheit dem Leser zu sagen: "Das Wasser ist wiedergekommen, wie es immer wiederkam, wie es immer wiederkommen wird". Das mag sehr beruhigend sein für ein kleines Kind, das sich fragt, was es mit Dürreperioden auf sich hat. Im Kontext von Benedichtus klingt das aber böse nach einer Stellungnahme zur Klimaverschiebung. Und dass dieser Verdacht aufkommt, sagt wahrscheinlich eine Menge über die Art, wie er mit seinen Lesern umgeht.

Dabei hat David Benedict das volle Vertrauen der Pu-Stiftung, die das Entstehen des neuen Bandes nicht nur kritisch beäugt hat, sondern die bis hin in die Wortwahl am Entstehungsprozess beteiligt war. Auf ihr Konto geht auch die neue Mitbewohnerin des Hundertsechzig-Morgen-Waldes, die Fischotterdame Otti. Sie soll das patriachale Ungleichgewicht des Waldes aushebeln, dem es bisher an weiblichen Protagonisten - mit Ausnahme von Känga - weitgehend mangelte.

Der neue Pu-Band Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald ist nur ein Beispiel für die nicht mehr ganz neue Masche der Verlage, Bestseller der Vergangenheit durch neue Autoren weiterspinnen zu lassen. Ich denke mit Schrecken an "Rhett " und "Scarlett " als Fortsetzungen von "Vom Winde verweht ", die wahrscheinlich als innovative Idee die Augen der Verleger zum Glänzen gebracht haben, als Lesegenuss aber eher mäßig funktionierten. Mittlerweile ist auch ein weiterer Band der "Per Anhalter durch die Galaxis "-Reihe erhältlich. Bram Stokers Vampirfürst bekommt mit "Dracula - die Wiederkehr " eine moderne Fortsetzung. Und eben ein neuer Pu, der Bär unter dem Titel "Rückkehr in den Hundersechzig-Morgen-Wald ".

Wirklich neu ist die Idee einer Fortsetzung der Pu-der-Bär-Geschichten nicht. Walt Disney hat in seiner Kuschel-Kinder-Version zahllose weitere Pu-Folgen gefilmt und zum Teil als Bilderbücher veröffentlicht. Als Autoren wurden entweder der Disney-Trust selbst genannt, oder externe Autoren wie Stephanie Calmenson oder Janet Campbell

Und dann kamen die zahllosen Erwachsenen-Bücher mit Pu und seinen Freunden. Losgetreten von Frederick C. Crews, der die Literaturszene mit einem literaturwissenschaftlichen Fake veralberte: The Pooh Perplex : A Freshman Casebook . Das war 1963. 1983 legte er mit "Postmodern Pooh " einen zweiten Band mit fiktiven Pu-Essays nach. "Pooh Perplex" blieb Geheimtipp, während sich die Anfang der 80er erschienenen Bücher von Benjamin Hoff als offizielle Renner der Esoterik-Szene etablierten. Ursprünglich hießen sie: Tao te Puh und The Te of Piglet , inzwischen ist der dtv-Verlag für den zweiten Band auf den neutraleren Titel: "Pu der Bär, Ferkel und die Tugend des Nichtstuns " umgestiegen, während der erste Band immer noch unter altem Namen beim Synthesis-Verlag zu bekommen ist. Beide Bände erklären anhand von Beispielen aus den Original-Geschichten aus "Pu, der Bär" die Prinzipien des Lao-Tse.

Nett zu lesen sind die philosophisch angehauchten Bände von John Tyerman Williams: "Jenseits von Pu und Böse ", "Bei Pu auf der Couch " und (1. Platz für verunglückten deutschen Titel) "Die Prophezeihungen des Pudradamus ". Es sind augenzwinkernde Analysen der Originalgeschichten, in denen sich herausstellt, dass Pu (respektive A.A. Milne) eigentlich viel von der Kabala übernommen hat, oder den weiblichen Mysterien verhaftet ist, oder eben der griechischen Philosphie. Ganz nach Bedarf. Jedenfalls wesentlich vielschichtiger, als der unbedarfte Leser zunächst annimmt.

Nicht ganz so humorig, sondern mit tiefpädagogischem Hintergrund kommt Roger Allen mit seinen Pu-Bänden daher. "Pu in Nadelstreifen " etwa soll "Bärenstarkes Management" vermitteln. "Pu it yourself " ist eine dezidierte Anleitung zur Problemlösung in allen Lebenslagen. Und "Pus Weg zum Erfolg " liefert Tipps zum Erreichen selbst gesetzter Ziele. Bei Allen leben die Figuren nicht nur in der Erinnerung, sondern unterhalten sich mit dem Autoren, reagieren auf ihn und lernen gleichzeitig mit den Lesern die Künste des Managements und Selbstmanagements.

Bleibt noch Entha Mordden zu erwähnen, dessen "Fit mit Pu " eine Anleitung zu "Schönheit und Kraft" für Leute ist, die es normalerweise eher nicht so mit dem Sport haben. Selbst kleine Übungen zwischendurch, meint Mordden, und belegt dies durch Episoden aus Pus Leben, bringen eine Menge für die natürliche Fitness.

Das Pu-Universum ist durchaus ohne neue Veröffentlichungen riesengroß. Neu ist lediglich, dass sich ein Autor konsequent am Originalstil A.A. Milnes versucht hat. Diese Mischung aus phantasievollen, kindgerechten Geschichten und augenzwinkernden psychologischen Skizzen, gefüllt mit Einsprengseln, die nur für Ältere nachvollziebar sind, die die kleineren Leser aber auch nicht stören - an dieser Mischung hat sich nicht einmal Disney versucht, trotz der unzähligen neuen Episoden aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald. Hier macht sich bemerkbar, dass David Benedict schon seit Jahren am Original-Pu arbeitete. Er ist für die englischen Pu-Hörbücher verantwortlich, so wie Harry Rowohlt für die Hörbücher in der deutschen Version. Kongeniale Erzähler alle beide, und ihnen zuzuhören ist fast, als bekäme man die Geschichten von seinen Eltern vorgelesen und könnte für einen Moment wieder Kind sein. Vielleicht ist das alles, was man auch von David Benedicts Fortsetzung "Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald" erwarten kann. Der Band hat sicher nicht das Zeug zum Klassiker. Aber für eine Rückkehr in die Fantasiewelt der Kindheit reicht es allemal.

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1 Comments:

Anonymous Jörg Karau said...

Wie ich sehe, haben Sie bei dem Dürre-Kapitel der Pooh-Fortsetzung denselben Eindruck wie ich, daß dies eine Anspielung auf das Klimaproblem sein soll. Ferner gefällt mir, daß Sie auch manches andere in dem Buch skeptisch beurteilen. Ich allerdings finde es durch und durch schlecht, wie ich in der Ergänzung zu meinen "Bemerkungen zu Harry Rowohlts Pooh-Übersetzung" (www.joergkarau-texte.de) darlege. Aber negative Auffassungen, und seien sie noch so gut begründet, können sich wohl nicht gegen den Harry-Rowohlt-Hype durchsetzen.

5:01 PM  

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