Shakespeare and more:
Neuerscheinungen und Rezensionen

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Name: Ennka
Standort: Hamburg, Germany

Dienstag, Februar 02, 2010

SWR-Bestenliste Februar 2010


Platz 1 (-) 117 Punkte

LEONID DOBYČIN: Die Stadt N.

Friedenauer Presse
Mittelschwere Lektüre
230 Seiten, 22,50 Euro

In dem Roman, an dem Dobyčin seit 1928 arbeitete, schildert er eine kleinbürgerliche Kindheit in der russischen Provinz - schon dies war ein Affront für die damaligen Literaturbeamten, weil er weder den heldenhaften Aufbau noch einen neuen Menschen zum Thema macht. In der Kleinstadt scheint die Zeit stillzustehen, die Entwicklung des einsamen Jungen bleibt völlig unberührt von politischem Geschehen. Schon das war zur Zeit des sozialistischen Aufbruchs ein Tabubruch. Die Stadt N. ist auch eine Fallstudie über frühkindliche Sexualität und die Neigung zu gleichgeschlechtlicher Liebe - und diese war in der UdSSR ein kriminelles Delikt.

Leonid Dobyčin gilt als Meister der Lakonie, der Miniaturen und Momentaufnahmen skizziert, die das Schöne und das Banale, Schrecken und Normalität so nebeneinander stellen, daß die nette Kleinstadt und der unsichere Junge keinen Gedanken an Idylle aufkommen lassen. Der junge Ich-Erzähler erweist sich als kleiner Spießer und muß am Ende erkennen, daß er die Dinge wegen seiner Kurzsichtigkeit "falsch wahrgenommen" hat. Die Provokation besteht schon darin, daß sich der Autor von der Gegenwart abwendet, die kleinlichen Anliegen der Bewohner und auch das Vielvölkergemisch der baltisch-russischen Provinz mit allen religiösen und nationalen Konflikten schildert. Die Intention wurde, wie die ersten Rezensionen zeigen, sehr wohl verstanden.

Platz 2 (4) 98 Punkte

THOMAS BERNHARD/ SIEGFRIED UNSELD: Der Briefwechsel

Suhrkamp Verlag
Mittelschwere Lektüre
869 Seiten, 39,80 Euro

30 Jahre alt, ohne Resonanz auf seine bis dahin veröffentlichten drei Gedichtbände, vom eigenen überragenden schriftstellerischen Können allerdings überzeugt, schreibt Thomas Bernhard im Oktober 1961 an Siegfried Unseld: "Vor ein paar Tagen habe ich an Ihren Verlag ein Prosamanuskript geschickt. Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang."

Obwohl der Suhrkamp Verlag das Manuskript ablehnte, gingen der Alleingänger und der Verleger seit dem Erscheinen von Bernhards erstem Roman "Frost" 1963 gemeinsam den Weg, der den Autor in die Weltliteratur führte.

In den etwa 500 Briefen zwischen beiden entwickelt sich ein einzigartiges Zwei-Personen-Schauspiel: Mal ist es eine Tragödie, wenn etwa Bernhard die aus seinen Werken bekannten Schimpftiraden auf den Verleger losläßt, der seinerseits auf die Überzeugungskraft des Arguments setzt. Dann gibt Bernhard ein Kammerspiel mit Unseld als Held - 1973 schreibt er ihm: "mit grösster Aufmerksamkeit, mit allen Möglichkeiten, gehe ich gern mit Ihnen." 1984 agieren beide, bei der Beschlagnahme von "Holzfällen", als Kämpfer für die Literatur in einem von Dritten inszenierten Schurkenstück.

Es dominiert das Beziehungsdrama: Der Autor stellt die für sein Werk und seine Person unabdingbaren Forderungen. Der Verleger seinerseits weiß, daß gerade bei Bernhard rücksichtslose Selbstbezogenheit notwendige Voraussetzung der Produktivität ist.

Solch einen dramatischen Briefwechsel zwischen Autor und Verleger, in dem bei jeder Zeile alles auf dem Spiel steht, kennt das Publikum bislang nicht.

Auch als Hörbuch erhältlich:

3 Audio CDs
Verlag: Der Hörverlag
Auflage: 1 (23. Januar 2009)
ISBN-10: 3867172757
ISBN-13: 978-3867172752

Hier klicken, um zur Leseprobe THOMAS BERNHARD/ SIEGFRIED UNSELD: "Der Briefwechsel" beim Suhrkamp Verlag zu gelangen!

Platz 3 (-) 91 Punkte

ALISSA WALSER: Am Anfang war die Nacht Musik

Piper Verlag
Mittelschwere Lektüre
256 Seiten, 19,95 Euro

Als Franz Anton Mesmer das blinde Mädchen in sein magnetisches Spital aufnimmt, ist sie zuvor von unzähligen Ärzten beinahe zu Tode kuriert worden. Mesmer ist überzeugt, ihr endlich helfen zu können, und hofft insgeheim, durch diesen spektakulären Fall die ersehnte Anerkennung der akademischen Gesellschaften zu erlangen. Auch über ihre gemeinsame tiefe Liebe zur Musik lernen Arzt und Patientin einander verstehen, und bald gibt es erste Heilerfolge ...

In ihrer hochmusikalischenSprache nimmt Alissa Walser uns mit auf eine einzigartige literarische Reise. Ein Roman von bestrickender Schönheit über Krankheit und Gesundheit, über Musik und Wissenschaft, über die fünf Sinne, über Männer und Frauen oder ganz einfach über das Menschsein.

Hier klicken, um zur Leseprobe ALISSA WALSER: "Am Anfang war die Nacht Musik" beim Suhrkamp Verlag zu gelangen!

Platz 4 (9) 83 Punkte

ULRICH RAULFF: Kreis ohne Meister

Verlag C. H. Beck
Leichtere Lektüre
544 Seiten, 29,90 Euro

Ein Meisterwerk! jubelt die Presse. Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, hat seinen Blick auf das Nachleben Georges gerichtet. Auf die Zeit nach 1933. Der Kreis zerfällt. Die jüdischen Mitglieder müssen ins Exil, andere schließen sich den Nazis an. Und dann nach 1945: Interessiert sich dann noch jemand für George?

Ulrich Raulff legt in seinem fulminant geschriebenen Buch die postume Biographie Georges frei, die es noch zu entdecken gilt. Spannend, kurios, exzentrisch, schräg, zugleich akribisch recherchiert, erzählt es die Geschichte eines einzigartigen Kreises voll illustrer Charaktere, der langsam zerfällt, Allianzen bildet und Feindschaften pflegt, um Deutungshoheit und Treue ringt und dabei vom annus horribilis 1933 bis zum Satyrspiel 1968 beinahe nebenher eine höchst außergewöhnliche Wirkungsgeschichte entfaltet. Eine abgründige Ideengeschichte, eine kaputte Apostelgeschichte und ein Lesevergnügen der exquisiten Art.

Hier klicken, um zur Leseprobe ULRICH RAULFF: Kreis ohne Meister beim Verlag C.H. Beck zu gelangen!

Platz 5 (-) 30 Punkte

ULRIKE DRAESNER: Vorliebe

Luchterhand Literaturverlag
Schwierigere Lektüre
320 Seiten, 19,95 Euro

Harriet, halbindisch, mathematikbegeistert, macht in ihrem Beruf aus wissenschaftlichen Daten schöne kosmische Bilder, ein wenig Lüge darf dabei schon sein. Auch zuhause scheint alles gut eingerichtet mit Partner Ash und Ben, dessen Sohn aus einer früheren Beziehung. Doch dann fährt Ash mit dem Auto ausgerechnet die Frau von Harriets Jugendliebe an, und Peter, der Mann, den sie längst vergessen zu haben glaubte, tritt von neuem in ihr Leben. Ein vermeintlich harmloses Liebesgetändel beginnt: Man ist ja offen, Heimlichkeiten und Eifersucht sind antiquiert, man verhält sich den Klischees der Gefühlswelt gegenüber abgeklärt.

Doch Ulrike Draesner schickt die Heldinnen und Helden ihres neuen Romans auf wunderbar verspielte Weise in ein irrlichterndes Labyrinth aus romantischen Verwicklungen, das eine der Figuren nicht lebend verlassen wird. - Liebe in den Zeiten der Zahlen.

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Platz 6-7 (-) 25 Punkte

ADAM HASLETT: Union Atlantic

Rowohlt Verlag
Schwierigere Lektüre
400 Seiten, 19,90 Euro

Boston 2002 statt Wall Street 2008: Die Katastrophe ist die gleiche. Ihr Unheld: Doug Fanning, Investmentbanker, clever, gutaussehend und vor allem skrupellos und risikobereit. Er baut eine Protzvilla, die so leer ist wie sein Inneres. Und er scheint nur einen Gegner zu haben: die Nachbarin. Altreich trifft neureich.

«Dieser Roman ist ein seltener Glücksfall - ein Buch von unvergleichlicher Reife und Vollständigkeit, voll Mitgefühl, Spannung und Humor. Es ist lange her, dass ein amerikanischer Romancier so viel gewagt und von dem, was er sich vorgenommen hat, so viel erreicht hat.» Jonathan Franzen

Auch als Hörbuch erhältlich:
Audio CD
Verlag: Parlando - Edition Christian Brückner
Erscheinungsdatum: 10. November 2009
ISBN-10: 3941004107
ISBN-13: 978-3941004108

Platz 6-7 (-) 25 Punkte

JANET MALCOLM: Tschechow lesen

Berlin Verlag
Mittelschwere Lektüre
208 Seiten, 19,90 Euro

Janet Malcolms Reise auf den Spuren Anton Tschechows beginnt mit einem Desaster: Am ukrainischen Flughafen von Simferopol verschwindet ihr Koffer mit einem Unbekannten. Als sie sich anschließend von einer Fremdenführerin zu jener Bank begleiten lässt, von der die beiden Liebenden in Tschechows Erzählung "Die Dame mit dem Hündchen" auf Jalta blicken, wird ihr klar, dass die Aussicht nicht im Entferntesten so hübsch ist wie erwartet. Aber so schnell gibt Janet Malcolm nicht auf. Sie reist nach St. Petersburg, Jalta und Moskau, die Orte in Tschechows Leben, recherchiert über seine Kindheit, seine Beziehungen, die frühen Triumphe, seine literarischen Figuren und Themen - in einer unwiderstehlichen Mischung aus Essay, Reportage und Reisebericht. Auf superbem Niveau verwebt sie Leben und Werk und beantwortet die einfachsten und zugleich kompliziertesten Fragen: Warum gestehen sich Tschechows Figuren ihre Liebe meist in verwunschenen Gärten? Warum mochte Tschechow keine Hochzeiten? Und was ist die Wahrheit hinter dem Mythos seines Todes, den er angeblich mit einem Glas Champagner in der Hand erwartet hat? Man kann alles über Tschechow wissen - oder nichts. So oder so wird man Janet Malcolm für dieses Buch lieben.

Platz 8 (-) 24 Punkte

KRISTOF MAGNUSSON: Das war ich nicht

Kunstmann Verlag
Mittelschwere Lektüre
288 Seiten, 19,90 Euro

Ein Bestsellerautor in der Schreibkrise, seine Übersetzerin, die davon lebt, dass das nächste Buch erscheint, und ein Investmentbanker, der mit ganz kleinen Betrügereien beginnt. Und dann begegnen sie sich alle in Chicago...

Kristof Magnussons »Das war ich nicht« fesselt bis zuletzt mit einer überaus witzigen, klug komponierten Geschichte und raffiniert glaubwürdigen Figuren. Dieser Roman über die Paradigmen des Kapitalismus samt den Generalthemen seiner Krisen überzeugt als hinreißend vergnüglicher, gänzlich unangestrengter Exkurs über den Verlust ideologischer Illusionen und materieller Irrläufer, die wie ein angemessener Preis für die Lust am menschlichen Maß und die Unbeschwertheit des Lebens erscheinen. (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Platz 9 (-) 18 Punkte

ALEXANDER PUSCHKIN: Eugen Onegin

Stroemfeld Verlag
Schwierigere Lektüre
2 Bände, 1632 Seiten, 98,00 Euro

1949 begann Nabokov seine bewußt auf Reime verzichtende Übersetzung von Alexander Puschkins Versroman "Jewgenij Onegin". Dazu schrieb Nabokov einen hier erstmals auf deutsch vorgelegten Kommentar. Mit Abstand das zeitaufwendigste und umfangreichste all seiner Werke, ist es zugleich der Höhepunkt seines übersetzerischen Schaffens. Nabokovs Kommentar zu Puschkins Versroman ergänzt alles, was der Leser über Puschkin, die Entstehung, Struktur und Poesie seines Werks sowie über dessen vielfältige literarische, biographische und historische Bezüge wissen muß. Mit seinen geistreichen Ausführungen über Duelle, Dandys, Ballmoden und vieles mehr ist Nabokov eine einzigartige Kulturgeschichte Rußlands gelungen. Zugleich entzieht der kosmopolitische Nabokov Puschin dem nationalistischen Zugriff, indem er ihn überzeugend als europäischen, insbesondere von der französischen Sprache und Literatur geprägten Dichter zeichnet. Für die vorliegende Ausgabe hat Sabine Baumann Puschkins Originaltext aus dem Russischen in zeilengetreue Prosa übertragen.

Das Großwerk der russischen Literatur mit dem enzyklopädischen Kommentar des ebenfalls großen Vladimir Nabokov, der Eugen Onegin ins Englische übersetzt hat - das Ergebnis einer lebenslangen Auseinandersetzung.

Platz 10 (-) 16 Punkte

ALAN PAULS: Die Vergangenheit

Klett-Cotta Verlag
Leichtere Lektüre
640 Seiten, 24,90 Euro

Buenos Aires in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts: Rimini und Sofia haben sich getrennt. Eine Befreiung. Rimini lernt eine jüngere Frau kennen. Aber dann kehrt Sofia zurück. Der Beginn eines erregenden Alptraums.

»Einer der größten lebenden Autoren Südamerikas!« Roberto Bolaño

Hier klicken, um zur Leseprobe ALAN PAULS: "Die Vergangenheit" beim Verlag Klett-Cotta zu gelangen!

Persönliche Empfehlung im Februar von Hubert Spiegel (Frankfurt):

JOHANN FRIEDRICH NAUMANN: Die Vögel Mitteleuropas

Eichborn Verlag
520 Seiten, 79,00 Euro

"Es ist eines der schönsten Bücher der letzten Jahre, und es erinnert an ein vergessenes deutsches Genie, wie sein Herausgeber ohne Übertreibung im Vorwort schreibt. Johann Friedrich Naumann zählt zu den exemplarischen Forscherfiguren des neunzehnten Jahrhunderts, und Arnulf Conradi hat für den Band ?Die Vögel Mitteleuropas? eine exemplarische Auswahl aus dem Werk des Begründers der deutschen Vogelkunde getroffen, die sowohl den Forscher wie auch seinen gefiederten Gegenstand aufs Schönste würdigt."(Hubert Spiegel)

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