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Donnerstag, März 04, 2010

Luc Deflo: Pitbull / Die Deleu-Romane


Zwei Männer sitzen an der Bar, die Blicke tief in ihre Gläser gesenkt. Beide haben ein Problem mit Frauen. Der eine, Benjamin Delaedt, hat eine Frau gestalkt, und nun, da er sie kennengelernt hat, wächst ihm die Sache über den Kopf. Der andere, Pieter Ghekiere, ist einfach unglücklich in seiner Ehe. Was wäre, räsonnieren sie, wenn es so etwas wie das perfekte Verbrechen gäbe. Ein Verbrechen ohne Motiv. Ein Verbrechen mit einem perfekten Alibi. Wenn nämlich der eine die Frau des anderen umbrächte. Und vice versa.

Das klingt nach Patricia Highsmith. Nach „Zwei Fremde im Zug“, mit einem Schuss „Der Schrei der Eule“. Die Grundidee des Romans, der 2008 mit dem Hercule Poirot-Preis zum besten Flämischen Krimi des Jahres gekürt wurde, ist also nicht neu. Luc Deflo hat ihn geschrieben, der wichtigste flämische Krimiautor derzeit. Seine Bücher finden sich mit großer Regelmäßigkeit auf den Topplätzen der belgischen Bestsellerlisten. So auch dieser: „Pitbull“, erste Auflage Mai 2008 – in Houten/Belgien. Die deutschen Leser müssen, wenn Knaur seine Veröffentlichungspolitik beibehält, bis 2015 warten, um in den Genuss des Bandes zu kommen.

9 Romane um das Team von Kommissar Dirk Deleu hat Luc Deflo bisher geschrieben. „Pitbull“ ist der vorerst letzte Band der Reihe, die mit „Nackte Seelen “ begann und mit „Totenspur “ und „Ins blanke Messer “ fortgesetzt wurde. In Deutschland soll am 1. September 2010 Band 4 der Reihe erscheinen: „>Schnitzeljagd “.

Dirk Deleu hat viel von den skandinavischen Kommissaren Wallander und Beck. Er ist geschieden, sorgt sich um seine beiden Kinder. Ist verliebt in seine Kollegin Nadia Mendonck. Aber irgendwie können die beiden nicht miteinander noch wirklich ohne einander. So umgibt Deleu ständig eine gewisse Melancholie, die zuweilen hart an eine Depression gemahnt.

Was die Romane um Deleu und sein Team so einzigartig macht, ist die psychologische Genauigkeit, mit der sich Luc Deflo in die Rolle der Täter hineinversetzt. Die Atmosphäre, die hier erzeugt wird, bezieht ihre Spannung aus der Dichte der Beobachtungen. Das muss man wissen, um von der Lektüre nicht enttäuscht zu werden. Nicht die Thriller-Fans, die einen action-gefüllten Pageturner erwarten, werden hier bedient, sondern jene Leser, die mit George Simenon und seinen Psycho-Romanen groß geworden sind. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sowohl Deflo als auch Simenon Flamen waren. Sie haben einen gemeinsamen Blick auf die Welt und auf das Verbrechen. Trotz gelegentlicher Schock-Szenen und dem Klientel aus Massenmördern, die Deflos Romane bevölkern, ist das Erzähltempo äußerst langsam und gewöhnungsbedürftig. Viel Zeit, die Gedankenwelt des Täters zu erkunden. Dieser ist normalerweise von Anfang an bekannt. Keine Romane also für Freunde des Whodunits. Aber das waren die Wallander-Romane schließlich auch nicht. Oder die Bücher von Simenon.

Die PR-Abteilung von Droemer/Knaur, die vermutlich selbst nicht so genau weiß, warum das Verlagshaus die Rechte an den Deflo-Romanen gekauft hat, versucht per Klappentext und Werbemaßnahmen, mit Deflo das normale Thriller-Publikum zu erreichen. Dort wird mit der Beschreibung der vereinzelt auftretenden Schock-Szenen der Eindruck geweckt, die Deleu-Romane hätten den Biss eines Hardboiled-Thrillers. Dementsprechend fallen die meisten Leser-Rezensionen z.B. auf amazon.de, die ein gutes Barometer für die Akzeptanz eines Romans darstellen, bestenfalls dürftig aus. Das wird dem Autoren nicht gerecht – auch wenn ich die den Werbemaßnahmen zum Opfer gefallenen Leser verstehen kann. Diese können nicht verstehen, warum Deflo in seiner Heimat derart beliebt ist. Ein Missverständnis, das eigentlich völlig überflüssig ist. Wenn man denn weiß, an wen man mit Deflo gerät.

So ist auch „Pitbull“, der neunte Deleu-Roman, ein feines Psychogramm mit sauber ausgearbeiteten Charakteren und einem knappen, flüssigen Stil. Ein Roman, der zwischen dem unaufhaltsamen Wahn des Täters und der ratlosen Emsigkeit des Ermittlerteams hin und her springt. Mit einem Plot, der trotz einiger 90°-Haken den gewohnten Gang der Dinge geht. Denn Ghekiere, der nach seinem ersten Mord Gefallen an diesem Augenblick der absoluten Macht gefunden hat, sucht sich immer neue Opfer, die er grausam entstellt. Er beißt sich in ihnen fest wie ein Pitbull, und schon bald wird „Pitbull“ zum Synonym für den Gesuchten. Allerdings ist die Polizei zunächst wie erwartet auf der falschen Fährte. Sie nimmt Delaedt, den Stalker, ins Visier und zieht die Schlinge immer enger um diesen. Ärgerlich nur, dass die Morde weitergehen, nachdem Delaedt tot aus einem Bach gezogen wird.

Jedem ist klar, es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis der Wahnsinn sein Ende findet. Trotz der behäbigen Erzählweise sind sie da, die kleinen Spannungsmomente, die die Handlung vorantreiben. Nicht zuletzt deswegen, weil wir als Leser nicht umhin können, im Lauf der Lektüre Mitleid mit Ghekiere zu entwickeln. Hier zeigt sich die Stärke von Luc Deflo: es gelingt ihm, uns mit dem Serienmörder fühlen zu lassen. Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt zusehends, sobald wir in die Perspektive des Täters eintauchen. Dann ist es kaum noch möglich ihn zu richten. Auch dies kennen wir noch gut von George Simenon.

sam


Der Verlag Droemer/Knaur hat von zwei der ersten drei Deleu-Romanen Leseproben ins Netz gestellt. Klicken Sie einfach auf die nachstehenden Links, um zu den kostenlosen Leseproben zu gelangen: Nackte Seelen, Ins blanke Messer


Mittlerweile gibt es die ersten drei Deleu-Romane von Luc Deflo auch als Hörbuch. Sie sind im Verlag Audiobook erschienen und auf jeweils 5 CDs gepresst. Wenn Sie sie bei amazon.de ansehen wollen, klicken Sie einfach auf folgende Links: Nackte Seelen , Totenspur , Ins blanke Messer

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