Shakespeare and more:
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Donnerstag, März 04, 2010

Luc Deflo: Pitbull / Die Deleu-Romane


Zwei Männer sitzen an der Bar, die Blicke tief in ihre Gläser gesenkt. Beide haben ein Problem mit Frauen. Der eine, Benjamin Delaedt, hat eine Frau gestalkt, und nun, da er sie kennengelernt hat, wächst ihm die Sache über den Kopf. Der andere, Pieter Ghekiere, ist einfach unglücklich in seiner Ehe. Was wäre, räsonnieren sie, wenn es so etwas wie das perfekte Verbrechen gäbe. Ein Verbrechen ohne Motiv. Ein Verbrechen mit einem perfekten Alibi. Wenn nämlich der eine die Frau des anderen umbrächte. Und vice versa.

Das klingt nach Patricia Highsmith. Nach „Zwei Fremde im Zug“, mit einem Schuss „Der Schrei der Eule“. Die Grundidee des Romans, der 2008 mit dem Hercule Poirot-Preis zum besten Flämischen Krimi des Jahres gekürt wurde, ist also nicht neu. Luc Deflo hat ihn geschrieben, der wichtigste flämische Krimiautor derzeit. Seine Bücher finden sich mit großer Regelmäßigkeit auf den Topplätzen der belgischen Bestsellerlisten. So auch dieser: „Pitbull“, erste Auflage Mai 2008 – in Houten/Belgien. Die deutschen Leser müssen, wenn Knaur seine Veröffentlichungspolitik beibehält, bis 2015 warten, um in den Genuss des Bandes zu kommen.

9 Romane um das Team von Kommissar Dirk Deleu hat Luc Deflo bisher geschrieben. „Pitbull“ ist der vorerst letzte Band der Reihe, die mit „Nackte Seelen “ begann und mit „Totenspur “ und „Ins blanke Messer “ fortgesetzt wurde. In Deutschland soll am 1. September 2010 Band 4 der Reihe erscheinen: „>Schnitzeljagd “.

Dirk Deleu hat viel von den skandinavischen Kommissaren Wallander und Beck. Er ist geschieden, sorgt sich um seine beiden Kinder. Ist verliebt in seine Kollegin Nadia Mendonck. Aber irgendwie können die beiden nicht miteinander noch wirklich ohne einander. So umgibt Deleu ständig eine gewisse Melancholie, die zuweilen hart an eine Depression gemahnt.

Was die Romane um Deleu und sein Team so einzigartig macht, ist die psychologische Genauigkeit, mit der sich Luc Deflo in die Rolle der Täter hineinversetzt. Die Atmosphäre, die hier erzeugt wird, bezieht ihre Spannung aus der Dichte der Beobachtungen. Das muss man wissen, um von der Lektüre nicht enttäuscht zu werden. Nicht die Thriller-Fans, die einen action-gefüllten Pageturner erwarten, werden hier bedient, sondern jene Leser, die mit George Simenon und seinen Psycho-Romanen groß geworden sind. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sowohl Deflo als auch Simenon Flamen waren. Sie haben einen gemeinsamen Blick auf die Welt und auf das Verbrechen. Trotz gelegentlicher Schock-Szenen und dem Klientel aus Massenmördern, die Deflos Romane bevölkern, ist das Erzähltempo äußerst langsam und gewöhnungsbedürftig. Viel Zeit, die Gedankenwelt des Täters zu erkunden. Dieser ist normalerweise von Anfang an bekannt. Keine Romane also für Freunde des Whodunits. Aber das waren die Wallander-Romane schließlich auch nicht. Oder die Bücher von Simenon.

Die PR-Abteilung von Droemer/Knaur, die vermutlich selbst nicht so genau weiß, warum das Verlagshaus die Rechte an den Deflo-Romanen gekauft hat, versucht per Klappentext und Werbemaßnahmen, mit Deflo das normale Thriller-Publikum zu erreichen. Dort wird mit der Beschreibung der vereinzelt auftretenden Schock-Szenen der Eindruck geweckt, die Deleu-Romane hätten den Biss eines Hardboiled-Thrillers. Dementsprechend fallen die meisten Leser-Rezensionen z.B. auf amazon.de, die ein gutes Barometer für die Akzeptanz eines Romans darstellen, bestenfalls dürftig aus. Das wird dem Autoren nicht gerecht – auch wenn ich die den Werbemaßnahmen zum Opfer gefallenen Leser verstehen kann. Diese können nicht verstehen, warum Deflo in seiner Heimat derart beliebt ist. Ein Missverständnis, das eigentlich völlig überflüssig ist. Wenn man denn weiß, an wen man mit Deflo gerät.

So ist auch „Pitbull“, der neunte Deleu-Roman, ein feines Psychogramm mit sauber ausgearbeiteten Charakteren und einem knappen, flüssigen Stil. Ein Roman, der zwischen dem unaufhaltsamen Wahn des Täters und der ratlosen Emsigkeit des Ermittlerteams hin und her springt. Mit einem Plot, der trotz einiger 90°-Haken den gewohnten Gang der Dinge geht. Denn Ghekiere, der nach seinem ersten Mord Gefallen an diesem Augenblick der absoluten Macht gefunden hat, sucht sich immer neue Opfer, die er grausam entstellt. Er beißt sich in ihnen fest wie ein Pitbull, und schon bald wird „Pitbull“ zum Synonym für den Gesuchten. Allerdings ist die Polizei zunächst wie erwartet auf der falschen Fährte. Sie nimmt Delaedt, den Stalker, ins Visier und zieht die Schlinge immer enger um diesen. Ärgerlich nur, dass die Morde weitergehen, nachdem Delaedt tot aus einem Bach gezogen wird.

Jedem ist klar, es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis der Wahnsinn sein Ende findet. Trotz der behäbigen Erzählweise sind sie da, die kleinen Spannungsmomente, die die Handlung vorantreiben. Nicht zuletzt deswegen, weil wir als Leser nicht umhin können, im Lauf der Lektüre Mitleid mit Ghekiere zu entwickeln. Hier zeigt sich die Stärke von Luc Deflo: es gelingt ihm, uns mit dem Serienmörder fühlen zu lassen. Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt zusehends, sobald wir in die Perspektive des Täters eintauchen. Dann ist es kaum noch möglich ihn zu richten. Auch dies kennen wir noch gut von George Simenon.

sam


Der Verlag Droemer/Knaur hat von zwei der ersten drei Deleu-Romanen Leseproben ins Netz gestellt. Klicken Sie einfach auf die nachstehenden Links, um zu den kostenlosen Leseproben zu gelangen: Nackte Seelen, Ins blanke Messer


Mittlerweile gibt es die ersten drei Deleu-Romane von Luc Deflo auch als Hörbuch. Sie sind im Verlag Audiobook erschienen und auf jeweils 5 CDs gepresst. Wenn Sie sie bei amazon.de ansehen wollen, klicken Sie einfach auf folgende Links: Nackte Seelen , Totenspur , Ins blanke Messer

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Michel Schneider: Marilyns letzte Sitzung


Titel Marilyns letzte Sitzung : Roman / Michel Schneider
Aus dem Franz. von Barbara Schaden
Autoren: Schneider, Michel ; Schaden, Barbara [Übers.]
Ausgabe: Genehmigte Taschenbuchausg., 1. Aufl.
Verleger: München : btb
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 478 S. ; 19 cm
Gesamttitel: btb ; 73936
Einheitssachtitel: Marilyn dernières séances <dt.>
Anmerkungen: Literaturverz. S. 476 - [479]
ISBN: 978-3-442-73936-3
EAN: 9783442739363
Einband/Preis: kart. : EUR 10.00
Schlagwörter: Monroe, Marilyn ; Greenson, Ralph R. ; Belletristische Darstellung
Kalifornien ; Psychoanalyse ; Geschichte 1960-1962 ; Belletristische Darstellung

1960, sie ist gerade 34 geworden, wechselt Marilyn Monroe zum dritten Mal ihren Psychoanalytiker. Sie dreht mit Yves Montand Machen wir's in Liebe. Montand und sie haben eine Liaison, aber der französische Schauspieler und Sänger hält sie für ein kleines Küken, das sich ihm lediglich an den Hals wirft. Sie braucht, spürt sie, einen Psychologen, der sich am Drehort, in LA befindet, und nicht im fernen New York. So landet sie bei Ralf Greenson.

Greenson gehört in jener Zeit zu den Staranalytikern in Hollywood. Dem Fachpublikum ist er vor allem durch seine Einführung „Technik und Praxis der Psychoanalyse” bekannt. Von seinen Sitzungen mit Marilyn Monroe fertigt er Tonbandmitschriften an. Diese geben einen guten Einblick in das, was in Marilyns letzter Phase, in den letzten 30 Monaten ihres Lebens geschah. Denn am 5. August 1962 stirbt sie unter mysteriösen Umständen.

Der französische Psychoanalytiker Michel Schneider hat minutiös alles zusammengetragen, was er über diese letzten dreißig Monate aus Veröffentlichungen, öffentlich zugänglichem Material und persönlichen Interviews in Erfahrung bringen konnte. Viele der Dokumente jener Zeit stehen jedoch unter Verschluss, da die Monroe kurz vor ihrem Tod noch die Bekanntschaft von Robert und J.F. Kennedy machte und offensichtlich auch eine intimere Beziehung zu beiden aufbaute. Aber Schneider geht es nicht um die Frage, wer Marilyn ermordet hat, obwohl er sich die Mühe macht, all die Widersprüche im Zusammenhang mit ihrem Tod aufzudecken. Ihn interessieren die Sitzungen mit Greenson, ihn interessiert das Seelenleben der Schauspielerin, ihn interessiert die Fallakte Monroe.

Er macht aus seinen Untersuchungen – und das ist das große Plus dieses Buches – keine trockene Studie, sondern füllt die Informationslücken wie auch das ausgewählte Material mit Emotionen und Sinneseindrücken. So entsteht ein gut lesbarer Roman, der sich haarscharf an der Faktenlage entlang bewegt und tiefe Einblicke ins Seelenleben der einstigen Sexikone gibt. Verstörend tief zuweilen, gerade in der zweiten Hälfte des Buches, wenn sich um Marilyn nicht nur die Präsidentenfamilie, sondern auch die Mafia und die CIA scharen. Wenn Schneider ohne Schnörkel schildert, wie Marilyn von Frank Sinatra unter Drogen gesetzt und dann von ihm und einem Freund vergewaltigt wird. Wenn er sie beschreibt, wie ihr an Sinatras Pool mitten in der Nacht klar wird, in welchen Sumpf sie geraten ist, aus dem es eigentlich keinen Weg mehr nach draußen geben kann.

Wer die Bücher von Irvin D. Yalom verschlungen hat und sich ein wenig für das Leben von Marilyn Monroe interessiert, wird an Michel Schneiders Marilyns letzte Sitzung trotz der emotional schweren Kost seine Freude haben. Dass das Buch dieses Lob verdient, beweist auch der Prix Interallié, einer der begehrtesten Literaturpreise Frankreichs, den Schneider 2006 dafür in Empfang nahm.

sam
Mit ein wenig Glück können Sie Michel Schneider: Marilyns letzte Sitzung auch gebraucht und portofrei in unserem Antiquariat Shakespeare and more bestellen. Klicken Sie hier, um zu sehen, ob gerade ein gut erhaltenes Exemplar gebraucht zu bekommen ist.

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Dienstag, März 02, 2010

Dieter Wellershoff: Der Himmel ist kein Ort


Titel Der Himmel ist kein Ort : Roman / Dieter Wellershoff
Autor: Wellershoff, Dieter
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Köln : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2009
Umfang/Format 299 S. ; 21 cm
ISBN 978-3-462-04134-7
EAN 9783462041347
Einband/Preis Pp. : EUR 19.95
Schlagwörter Pfarrer ; Evangelische Kirche ; Lebenskrise ; Tödlicher Verkehrsunfall ; Schuld ; Belletristische Darstellung

Leseprobe beim Verlag Kiepenheuer & Witsch

In Dieter Wellershoffs aktuellen Werk „Der Himmel ist kein Ort“ blitzt etwas von jener Melancholie und Zerrissenheit auf, die seine Arbeiten von je her ausmachen. Darin erzählt er die Geschichte des Dorfpfarrers Ralf Henrichsen, der an sich und seiner Aufgabe zu zerbrechen droht. In einer regendurchfluteten Nacht wird er als Notfallseelsorger zu einem Unfallort gerufen. Ein Autofahrer ist von der Straße abgekommen und mit seinem Wagen in einem See gelandet. Die Frau des Fahrers kommt bei dem Unfall ums Leben, das Kind wird schwerverletzt in ein Krankenhaus eingeliefert und fällt kurz darauf ins Koma. Allein Karbe, der Fahrer selbst, hat das Unglück körperlich unbeschadet überstanden. Was Anlass zu etlichen Spekulationen gibt.

Der Pfarrer ist mit der Situation überfordert. Zu den Zweifeln an seinem eigenen Glauben gesellen sich die Zweifel an Karbes Schuld. Wie soll er Hilfe leisten, wie Position beziehen, wenn sich der Unfallfahrer so offensichtlich nicht helfen lassen will? Im Laufe der folgenden Tage erfährt er immer mehr widersprüchliche Details über die Ehe des verunglückten Paares, über die Streitigkeiten innerhalb der Familie, über Eifersucht und Seitensprünge. Kein Wunder, dass die Gemeinde sich über der Frage nach der Unfallschuld langsam in zwei Lager spaltet.

Dieter Wellershoff war von je her ein Grübler unter den Autoren. Er hat keine Angst vor langen Gedankenkaskaden und vertritt noch heute seinen konsequenten Realismus, mit dem er einst, in den 60er Jahren, den Versuch einer Kölner Schule innerhalb der jungen deutschen Literatur wagte. Weiser ist er geworden seitdem, altersweise, möchte ich meinen, und seine Helden verspüren immer weniger den Drang zu handeln, ziehen sich in Betrachtungen ihrer selbst und der sie umgebenden Welt zurück. Das liest sich angenehm unaufgeregt, und fast könnte man meinen, eine kleine Perle der aktuellen deutschen Literaturszene geborgen zu haben, wenn, ja wenn ...
Die Geschichte um den Pfarrer Henrichsen und den Unfallfahrer Karbe bricht an einem bestimmten Punkt des Romanes abrupt ab. Henrichsen fährt auf eine Tagung, die im Text lange angekündigt ist. Und er will eine Frau treffen, die ihn seit etlichen Wochen mit stürmischen Liebesbriefen den Hof macht. Auch das ist angekündigt, kommt also nicht wirklich überraschend.

Diese interdisziplinäre Tagung zur Rolle der Kirche im säkularisierten Staat ist dramaturgisch gesehen ein echter Fehler. Sie hätte zu so etwas wie zur geistigen Mitte, dem gedanklichen Überbau des Romans werden können, und wahrscheinlich war sie auch als solche geplant. Die Idee, Redner aus verschiedenen Fachrichtungen zum Thema Religion mit Auszügen ihrer Reden in den Roman aufzunehmen, ist als postmoderner Ansatz verheißungsvoll – wäre er denn durchführbar gewesen.

Allein, Wellershoff mag sich mit diesen verschiedenen Ansätzen zur Religion von der Philosophie über die Psychoanalyse, die Historik bis zur Soziologie beschäftigt haben – in seinen kurzen Wortbeiträgen fehlt ihnen jegliche Eigenständigkeit im Duktus, jegliche gedankliche Lucidität. Alles klingt nach Wellershoff. Und in seinem Versuch, diese Denkansätze für ein breites Lesepublikum plausibel darzulegen, klingt alles ungemein nach Allgemeinplatz. Dieses Problem hat Wellershoff schnell erkannt, ohne es dadurch in den Griff zu bekommen. Sei es, weil der Roman zu einem bestimmten Punkt in den Druck gehen musste und ihm die Zeit für eine adäquate Umsetzung fehlte, sei es, weil er an der Durchführbarkeit der anspruchsvollen Idee scheiterte: mehrmals lässt er seinen Protagonisten und die anderen Tagungsteilnehmer über die mangelnde Qualität der Redebeiträge lästern, um so dem Leser zu verstehen zu geben, dass er das Problem selbst wahrnahm.

Damit aber verletzt er eine der wichtigsten Regeln der Dramaturgie. Nämlich die, die Geschichte von allem Belanglosen zu befreien und sich beim Erzählen auf das zu konzentrieren, was wesentlich ist. Wenn er für sich selbst entdeckt, dass seine Schilderung der Tagung nicht in der Lage ist, neue Impulse für die Haupthandlung selbst zu vermitteln, macht es keinen Sinn, diese im Text derart aufzublähen. Kein Wunder, dass mehrere Rezensenten – so sie denn überhaupt so weit gelesen und nicht einfach andere emphatische Rezensionen plagiiert haben, von diesem Punkt an vom Roman enttäuscht sind.

Auch die folgende Episode in Hamburg, in der Henrichsen auf die in ihn verliebte ältere Briefschreiberin trifft, endet – nahezu folgerichtig – in Belanglosigkeiten. Hier mag man Wellershoff seinen Realismus zugute halten, der alles andere ohnehin unterbunden hätte. Eine stürmische Beziehung, die den Dorfpfarrer von heute auf morgen aus seinem mentalen Loch herausreißt, ein Liebes-Happy-End quasi, wäre für einen anderen Autoren eine Option und notfalls sogar theologisch zu legitimieren gewesen. In „Der Himmel ist kein Ort“ jedoch – übrigens ist der Titel ein Zitat, das er einer jungen, auf der Tagung spielenden Rap-Band in den Mund legt – hätte es mehr als aufgesetzt gewirkt. So bleibt auch hier eine gewissen Ratlosigkeit im Raum hängen, die noch gesteigert wird, als wir vom weiteren Verbleib der älteren Dame erfahren.

Wenn der Himmel wirklich nur ein Gefühl ist, wie der Rapsong nahe legt, warum fühlen wir uns dann als Christen nicht besser? Warum freuen wir uns dann nicht der Erlösung, wie schon Nietzsche fragte. Müsste man den Gesichtern der Christen nicht etwas von jener Freude ansehen? Nach der Lektüre dieses Romans, der über weite Strecken sehr glaubwürdig und einfühlsam daherkommt, spüren wir etwas von jener Schwere, die gerade das Berufschristentum mit sich bringt. Das macht das Buch gerade in diesen Tagen ungeheuer aktuell.


Mittlerweile gibt es vom Roman auch eine Hörbuch-Version:
Audio CD: 4 CDs
Verlag: LübbeAudio
Auflage: 1. Aufl.
Erscheinungsdatum: 17. Oktober 2009
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3785742479
ISBN-13: 978-3785742471

Hörprobe auf Luebbe-Audio.de hören

Matthias Koeberlin, als Schauspieler bereits mit dem Deutschen Fernsehpreis sowie mit dem Günter-Strack-Fernsehpreis ausgezeichnet, wurde für seine Interpretation von "Der Himmel ist kein Ort" von Dieter Wellershoff - nun bereits zum zweiten Mal - für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.
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Freitag, Februar 12, 2010

Gerard Donovan: Winter in Maine


Titel: Winter in Maine : Roman / Gerard Donovan
Aus dem Engl. von Thomas Gunkel
Autor: Donovan, Gerard ; Gunkel, Thomas [Übers.]
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: München : Luchterhand
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 206 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel: Julius Winsome
ISBN: 978-3-630-87272-8
EAN: 9783630872728
Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
Schlagwörter: Maine ; Amerikanischer Pit-Bullterrier ; Mord ; Einsiedler ; Rache ; Belletristische Darstellung

Julius Winsome lebt in den Wäldern von Maine. Seine kleine Hütte ist vollgestopft mit Büchern, die sein Vater angeschafft, gelesen und akribisch auf Dateikarten dokumentiert hatte. Julius arbeitet im Sommer als Gartenhelfer, im Winter sitzt er viel vor seinem Holzofen, ein Buch in der Hand, ein Glas Wein neben sich auf dem Tisch. Einzig die beginnende Jagdsaison bringt Unruhe in sein kleines Dasein, denn die Hobbyjäger und Sonntagsschützen schießen auf alles, was ihnen in den Weg kommt.
So glaubt er zunächst an einen Unfall, als sein kleiner Pitbull-Terrier Hobbes verschwindet. Winsome macht sich auf die Suche. Er bringt das schwerverletzte Tier zum Tierarzt, doch dieser kann nichts mehr für Hobbes tun. Eine Ladung Schrotkugeln hat sich unter das Fell des Tieres gegraben, abgegeben aus nächster Nähe, aus wenigen Zentimeter Entfernung. „Der Schütze kannte das Tier, vielleicht hat er ihn vorher getätschelt, damit er so dicht herankommt.“

Beinahe leicht im Erzählton schildert Autor Gerard Donovan, wie sich Winsome aufmacht, um sich an den Sonntagsjägern zu rächen. An niemandem bestimmten, denn Winsome hat keine Idee, wer für den Tod seines Hundes verantwortlich sein könnte. Erst nachdem sechs Menschen gestorben sind, merkt er, wie er langsam vom Jäger zum Gejagten wird. So schafft es Donovan eine Spannung aufzubauen, die sich bis zum Schluss steigert, zu einem Ende, mit dem so nicht zu rechnen war. Vielleicht gerade deswegen, weil es so überaus stimmig ist.

In diese Geschichte hinein sind viele Rückblenden verwoben. An die Zeit mit Claire, einer jungen Frau, die zunächst dem Charme der Einsiedelei erlag, die es dann aber doch zurück zu einer bürgerlicheren Existenz gezogen hatte. An die Zeit, die Julius mit seinem Vater im Wald gelebt hat, an seine erste Begegnung mit Shakespeare und seine Versuche, das elisabethanische Englisch zu lernen, wie man Vokabeln lernt.

In einem Bändchen mit Shakespeares Sonetten findet Winsome die Notizen, die er sich seinerzeit gemacht hatte. Und er versucht, mit diesen elisabethanischen Ausdrücken seine Sprache anzureichern. Ein hilfloses Bemühen, für kaum einen verständlich als für ihn. Und vielleicht für den Leser, der weiß, aus welchen Fragmenten Winsome seine Sätze baut. Das Unverständnis, auf das er in seinen Satzkonstruktionen trifft, ist das gleiche, mit dem die Leute in der Stadt auf seine Plakate reagieren, mit denen er nach Hobbes’ Mörder sucht. „Was soll’s, ist doch nur ein Hund“ kritzelt einer daneben. Und Winsome, an dessen Schoß gekuschelt Hobbes gestorben ist, fühlt sich noch ein wenig einsamer.

Gerard Donovan erklärt nicht, klagt nicht an. Er zeigt den einsamen Weg eines einsamen Mannes in einer Sprache, die einfach, aber bildgewaltig ist. Das Urteil bleibt dem Leser überlassen, und der ist verstört, dass er diese sechs Morde so gut nachvollziehen kann. Fast nebenbei teilt er die Abscheu des Protagonisten vor all diesen Menschen, die mit Gewehren durch die Gegend laufen und von ihrem Recht aufs Töten Gebrauch machen. Ist das widersinnig? Vielleicht. Aber genau dieser Widerspruch macht das Buch zu einem bewegenden Roman, der heftige Diskussionen auslöst. Zu einem Buch, das ist in aller Munde ist. Zu Recht.

sam


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Dienstag, Februar 09, 2010

Hank Moody: God hates us all


Titel: God Hates Us All
Autor: Hank Moody, Jonathan Grotenstein
ISBN: 1416598235
ISBN-13: 9781416598237
Ausstattung: Paperback, 195 Seiten
Erscheinungsdatum: September 2009
Verlag: Simon Spotlight Entertainment
Sprache: Englisch

Hank Moody hat bereits mehrere Bücher geschrieben, als er mit God hates us all, einem mehrere hundert Seiten starken Roman, seinen literarischen Durchbruch erreichte. Es ist eine Abrechnung mit dem Establishment, ein Stürzen der falschen Götter, mit einer gewagten Sprache verfasst, hart am Rand dessen, was bei der Literaturkritik noch durchgeht. Junge Literatur. Wer Hank auf sein literarisches Schaffen anspricht, redet von God hates us all. Das Buch wurde unter dem Namen A little thing called love mit großem Erfolg verfilmt. Verkitscht, würde Moody sagen, der sich mit dem Ergebnis nicht identifizieren kann. Er trinkt zu viel, ist auch einer Line nicht abgeneigt. Aber seit God hates us all plagt ihn eine Schreibblockade, die er nur langsam überwinden kann.

Die schlechte Nachricht: Hank Moody existiert nicht, somit weder der Romanbestseller noch dessen Verfilmung. Hank ist die Hauptperson der Fernsehserie Californication, gespielt von David Duchovny. Sie ist eine Erfindung von Tom Campinos, der durch diese Serie seinen Bekanntheitsgrad erhöhte, zuvor aber schon an Serien wie Dawson?s Creek gearbeitet hat.

Das dünne Bändchen, das unter dem Autorennamen Hank Moody im September 2009 veröffentlicht wurde, stammt von Jonathan Grotenstein und trägt zwar den Namen des Bestsellers und teilt dessen Aussehen, jedoch nicht den literarisch revolutionären Inhalt. Leider habe ich nirgendwo einen Hinweis darauf gefunden, wie Grotenstein an den Job gekommen ist, God hates us all zu schreiben. Seine größten Meriten hat er sich bis dahin mit einem Buch übers Pokern erworben. Keine ideale Voraussetzung, um einen Bestseller zu landen. Wahrscheinlich gab es, wie im Augenblick häufiger, eine Ausschreibung des Verlags und sein Script war von all den eingereichten Fragmenten das kleinste Übel.

Das Buch ist eine reine Marketing-Idee, ein Merchandise-Produkt, dass pünktlich zum Beginn der dritten Staffel auf dem amerikanischen Buchmarkt erschien und aufgrund der großen Popularität der Serie Californication auch bei uns erhältlich ist. Der vordere Einband ist so aufgemacht, wie wir ihn aus der Serie kennen: Schwarz, in großen Lettern der Buchtitel, und klein darunter der Autorenname. An die vierhundert Seiten des Originals ist Grothenstein nicht herangekommen. So wird aus dem dicken Band ein schmales Bändchen.

Inhaltlich ist God hates us all eine (Auto)Biographie der frühen Jahre Moodys. Seine amour fou mit Daphne, die ein wenig an die Beziehung zwischen dem Punk-Rocker Sid Vicious und Nancy Spungen erinnern soll ? weswegen das Biopic Sid and Nancy von Alex Cox im Buch auch mehrmals als Lieblingsfilm zitiert wird. Daneben muss der Roman, um die gängigen Klischees abzuarbeiten, auch von Drogen und Rock?n Roll handeln: Moody stolpert in eine Karriere als Drogenhändler, unter anderem für Leute aus der Musikindustrie. Er lernt Models kennen, vögelt mit ihnen oder versucht es zumindest. Am Ende trifft er erneut auf Daphne, ist ein wenig geläutert, aber nicht reif genug für ein Happy End.

Nein, überzeugend ist der Roman nicht geworden. Die Bestsellerqualitäten fehlen ihm völlig. Mit einem Autoren, der an den Filmscripts mitgearbeitet hat, hätte etwas anderes herauskommen können. Der Sprachton ist wesentlich platter, als wir ihn aus den wenigen Buchzitaten im Film und aus dem Sprachduktus von Hank Moody kennen. Die melancholische Selbstironie bleibt in diesem Merchandise-Buch weitgehend auf der Strecke. Tom Campinos hätte es schreiben können, oder einer der Autoren der einzelnen Episoden vielleicht. Jonathan Grotenstein jedoch bleibt mit seiner Biografie weit hinter der intellektuellen Vielschichtigkeit Hank Moodys zurück.

Übrigens hat er es auch nicht geschafft, den Titel des Buches glaubhaft umzusetzen oder zumindest einen durchgehenden Bezug auf Hanks latent okkulte Neigung herzustellen. Gott kommt in gerade einem Absatz vor: In der U-Bahn sieht er, wie ein Bettler sich durch die Reihen bewegt und die Fahrgäste um Kleingeld bittet. Einige geben etwas, andere nicht. Normaler Alltag. Als an der nächsten Station ein weiterer Bettler ins Abteil steigt, beobachtet Hank, dass den Fahrgästen jetzt ganz die Lust vergeht, etwas zu geben. Sobald sie mit der Not in mehr als nur kleinen Häppchen konfrontiert werden, ist es vorbei mit der Hilfsbereitschaft. Schlecht eingerichtet von Gott ? oder eben seine Form der Ironie, findet Hank.
Der Verlag Simon and Schuster hat eine Leseprobe online gestellt: Klicken Sie hier, um zur Leseprobe Hank Moody: God hates us all zu gelangen
Wenn Sie zu den Fans der Serie Californication gehören, wollen Sie das Buch wahrscheinlich trotzdem lesen. Mit ein wenig Glück finden Sie es gebraucht im Katalog des Online-Antiquariats Shakespeare and more. Klicken Sie hier, um zum Titel Hank Moody: God hates us all bei Shakespeare and more zu gelangen.

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Montag, Februar 08, 2010

Stieg Larsson: Vergebung


Titel: Vergebung : Roman / Stieg Larsson.
Aus dem Schwed. von Wibke Kuhn
Autor: Larsson, Stieg ; Kuhn, Wibke [Übers.] Ausgabe: Vollst. dt. Taschenbuchausg.
Verleger: München : Heyne
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 861 S. ; 19 cm
Einheitssachtitel: Luftslottet som sprängdes <dt.>
ISBN: 978-3-453-43406-6
EAN: 9783453434066
Einband/Preis: kart. / EUR 9.95

Ganz oben auf der Jahresbestsellerliste Taschenbücher des Internetgiganten amazon stehen die drei Bände der Milleniums-Trilogie von Stieg Larsson. Band 1 "Verblendung", ist mittlerweile auch als Verfilmung in den deutschen Kinos gelaufen und hat den Boom sicherlich mit angefacht. Band 2 "Verdammnis" läuft dieser Tage an. Um nicht Eulen nach Athen zu tragen, habe ich mir den dritten Band vorgenommen: "Vergebung".

Kurz vor halb zwei in der Nacht bekommt Dr. Jonasson vom Sahlsgrenska-Krankenhaus in Göteborg eine ungewöhnliche Patientin geliefert. Eine junge Frau ist angeschossen worden - die Kugel ist in ihr Gehirn eingedrungen und dort stecken geblieben. Doch die Frau lebt. Über fünfzehn Seiten hinweg erleben wir mit, wie er die Kugel in einer äußerst komplizierten Operation aus ihrem Hirn entfernt. Später werden wir erfahren, dass die Frau Lisbeth Salander heißt, die die Protagonistin der ersten beiden Milleniums-Bände ist.

Szenenwechsel: Der Journalist Mikael Blomkvist ist außer sich. Er hat den Schwerverbrecher Niedermann dingfest gemacht, der für mehrere Morde und andere Kapitalverbrechen verantwortlich ist. Auf dem Hof, auf dem er ihn gefunden hat, lagen schwer verletzt seine gute Bekannte Lisbeth sowie der russische Ex-Spion Zalatschenko. Doch als er die Polizei an den Tatort ruft, hat die nichts Besseres zu tun, als ihn festzunehmen und dafür Niedermann die Freiheit zurückzugeben.

So beginnt der furiose dritte Roman der Reihe. Zalatschenko, so wird sich später herausstellen, wurde nach seiner Flucht in den Westen von der schwedischen Regierung protegiert. Die Sicherheitspolizei kümmerte sich in einer internen Spezialgruppe darum, seine Eskapaden zu decken. Denn durch das Schutzprogramm, dass er als Überläufer genießt, darf er weder bei der Polizei noch gar bei Prozessen auftauchen. Schwierig bei einem Mann mit seinem Temperament.

Seine Spuren in der Öffentlichkeit immer wieder zu verwischen, überschreitet deutlich die Grenzen des legalen Rahmens. Es wird Mikael Blomkvists Aufgabe sein, im Verlauf des Romans Beweise gegen diese Sektion innerhalb der Geheimpolizei zu sammeln und sich, je näher er der Wahrheit kommt, gegen deren Übergriffe zu schützen.

Dies hätte sich unter der Feder eines anderen Autoren zu einem normalen Geheimdienst-Thriller entwickeln können. Stieg Larsson jedoch spickt seinen Roman mit sauber recherchierten Hintergrundinformationen nicht nur über die Sicherheitspolizei, sondern der politischen Landschaft Schwedens. Selbst der Mord an Olaf Palme wird neu thematisiert und bekommt aus der Perspektive Larssons eine neue Dimension. Der Roman wird zu einem Krimi mit hohen Faktenanteilen.

Die Zahl derer, die sich mit dieser Faktenflut schwer taten, ist begrenzt. Die meisten, mit denen ich geredet habe, verschlangen den 840 Seiten starken dritten Band in kürzester Zeit. Mir ging es nicht anders. Während ich sonst bei den aktuellen Bestsellern oft das Gefühl habe, hemmungslosen, oft ärgerlichen Mist zu konsumieren, verdient es Stieg Larsson mit seinem dritten Milleniums-Band "Vergebung" zu Recht, zu den meistverkauften Büchern des letzten Jahres zu gehören. Ein Band, den ich uneingeschränkt empfehlen kann.
Das Buch ist mittlerweile auch als Hörbuch erhältlich:

8 Audio-CDs, Laufzeit: ca. 600 min
Verlag: Random House Audio
Erscheinungstermin: 7. September 2009
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3837100421
ISBN-13: 978-3837100426

Beim Verlag gibt es eine kostenlose Leseprobe sowie eine Hörprobe des Buches. Hier klicken, um direkt zur Leseprobe Stieg Larsson: Vergebung auf randomhouse.de zu gelangen.

Hier klicken, um zur Hörprobe Stieg Larsson: Vergebung auf randomhouse.de zu gelangen
Mit ein wenig Glück können Sie dieses Buch auch gebraucht und portofrei in unserem Antiquariat Shakespeare and more bestellen. Klicken Sie hier, um zu sehen, ob gerade ein gut erhaltenes Exemplar gebraucht zu bekommen ist.

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Donnerstag, November 26, 2009

David Benedictus: Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald


Rückkehr in den Hundert-Morgen-Wald

Titel Pu der Bär, Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald : nach den Geschichten um Pu, den Bären von A. A. Milne / David Benedictus
Aus dem Engl. von Harry Rowohlt
Ill. von Mark Burgess im Stil von E. H. Shepard
Personen Benedictus, David ; Rowohlt, Harry [Übers.]
Verleger Hamburg : Dressler
Erscheinungsjahr 2009
Umfang/Format 206 S. : zahlr. Ill. ; 22 cm
Originaltitel Return to the Hundred Acre Wood
ISBN 978-3-7915-2679-9
Einband/Preis Pp. : EUR 14.90

Als Christopher Robin sich seinerzeit aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald verabschiedete, war das für alle sehr traurig. Pu, Ferkel, und wir, die Leser, wussten, dass die Welt eine andere werden würde, wenn Christopher Robin erst einmal in die Schule ginge und dann nicht mehr so viel Zeit mit seinen kleinen Freunden verbringen würde. David Benedictus hat die Geschichte jetzt weitergesponnen, die A. A. Milne einst für seinen kleinen Sohn erdachte.

So gehen die Abenteuer weiter. Pu sucht nach den Bienen, weil sie den alten Baum verlassen haben. Eine Fischerotterdame taucht auf und macht es sich zunächst in Christopher Robins Badewanne und später bei IA gemütlich. Tigger träumt von Afrika, weil er meint, von dort abzustammen, erfährt aber schließlich, dass es in Afrika gar keine Tiger gibt. Und irgendwann bleibt der Regen aus, was ziemlich blöd ist, weil dann der Bach kein Wasser mehr hat. Lauter kleine Abenteuer mit den alten Protagonisten, die vom Stil her tatsächlich gut zu einem etwas älter gewordenen Lesepublikum passen.

Harry Rowohlt, der Übersetzer, sagt, er habe sich ursprünglich vorgenommen, die neuen Geschichten zu hassen (so, wie es für echte Fans des Originals eine Konvention ist, die Disney-Geschichten um Pu, den Bären zu hassen). Dann aber wäre er erstaunt gewesen, wie dicht die neuen Geschichten am Original lägen. Und so kümmerte er sich nicht nur um die Übersetzung, sondern las den Text auch gleich als Hörbuch ein. Und im Hörbuch, in der typischen Rowohlt-Diktion, ist der Unterschied zum Original dann tatsächlich nicht mehr wahrnehmbar.

Eins ist anders geworden beim neuen Pu. Wenn Christoper Robin in die Schule geht, dann hält die Pädagogik im Hundertsechzig-Morgen-Wald Einzug. Und zwar gewaltig, bis zur Schmerzgrenze.

So gewaltig, dass es selbst Übersetzer Harry Rowohlt teilweise zuviel wird. So summt der neue Pu bei Benedictus des Morgens höchst edukativ vor sich hin, man müsse Honigtöpfe in der Reihe aufstellen, wenn man sie zählen wolle. Tiefer Seufzer meinerseits, ein Schlag mit der pädagogischen Holzkeule - so etwas riechen selbst Kinder sofort. Rowohlt entschied sich dafür, dies für die deutschen Leser etwas umzubiegen: "zählen ist schöner, wenn die Sonne scheint" heißt es in seiner Übersetzung. Er hinterläuft damit Benedictus' Ambitionen, und streichelt dafür die Seele seiner Leser mit Pu-Logik.

Die meisten pädagogischen Seitenhiebe des englischen Originals sind allerdings noch enthalten. Einige wenden sich an den erwachsenen Leser. So kriegt es Benedictus fertig, in seiner Episode über die große Trockenheit dem Leser zu sagen: "Das Wasser ist wiedergekommen, wie es immer wiederkam, wie es immer wiederkommen wird". Das mag sehr beruhigend sein für ein kleines Kind, das sich fragt, was es mit Dürreperioden auf sich hat. Im Kontext von Benedichtus klingt das aber böse nach einer Stellungnahme zur Klimaverschiebung. Und dass dieser Verdacht aufkommt, sagt wahrscheinlich eine Menge über die Art, wie er mit seinen Lesern umgeht.

Dabei hat David Benedict das volle Vertrauen der Pu-Stiftung, die das Entstehen des neuen Bandes nicht nur kritisch beäugt hat, sondern die bis hin in die Wortwahl am Entstehungsprozess beteiligt war. Auf ihr Konto geht auch die neue Mitbewohnerin des Hundertsechzig-Morgen-Waldes, die Fischotterdame Otti. Sie soll das patriachale Ungleichgewicht des Waldes aushebeln, dem es bisher an weiblichen Protagonisten - mit Ausnahme von Känga - weitgehend mangelte.

Der neue Pu-Band Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald ist nur ein Beispiel für die nicht mehr ganz neue Masche der Verlage, Bestseller der Vergangenheit durch neue Autoren weiterspinnen zu lassen. Ich denke mit Schrecken an "Rhett " und "Scarlett " als Fortsetzungen von "Vom Winde verweht ", die wahrscheinlich als innovative Idee die Augen der Verleger zum Glänzen gebracht haben, als Lesegenuss aber eher mäßig funktionierten. Mittlerweile ist auch ein weiterer Band der "Per Anhalter durch die Galaxis "-Reihe erhältlich. Bram Stokers Vampirfürst bekommt mit "Dracula - die Wiederkehr " eine moderne Fortsetzung. Und eben ein neuer Pu, der Bär unter dem Titel "Rückkehr in den Hundersechzig-Morgen-Wald ".

Wirklich neu ist die Idee einer Fortsetzung der Pu-der-Bär-Geschichten nicht. Walt Disney hat in seiner Kuschel-Kinder-Version zahllose weitere Pu-Folgen gefilmt und zum Teil als Bilderbücher veröffentlicht. Als Autoren wurden entweder der Disney-Trust selbst genannt, oder externe Autoren wie Stephanie Calmenson oder Janet Campbell

Und dann kamen die zahllosen Erwachsenen-Bücher mit Pu und seinen Freunden. Losgetreten von Frederick C. Crews, der die Literaturszene mit einem literaturwissenschaftlichen Fake veralberte: The Pooh Perplex : A Freshman Casebook . Das war 1963. 1983 legte er mit "Postmodern Pooh " einen zweiten Band mit fiktiven Pu-Essays nach. "Pooh Perplex" blieb Geheimtipp, während sich die Anfang der 80er erschienenen Bücher von Benjamin Hoff als offizielle Renner der Esoterik-Szene etablierten. Ursprünglich hießen sie: Tao te Puh und The Te of Piglet , inzwischen ist der dtv-Verlag für den zweiten Band auf den neutraleren Titel: "Pu der Bär, Ferkel und die Tugend des Nichtstuns " umgestiegen, während der erste Band immer noch unter altem Namen beim Synthesis-Verlag zu bekommen ist. Beide Bände erklären anhand von Beispielen aus den Original-Geschichten aus "Pu, der Bär" die Prinzipien des Lao-Tse.

Nett zu lesen sind die philosophisch angehauchten Bände von John Tyerman Williams: "Jenseits von Pu und Böse ", "Bei Pu auf der Couch " und (1. Platz für verunglückten deutschen Titel) "Die Prophezeihungen des Pudradamus ". Es sind augenzwinkernde Analysen der Originalgeschichten, in denen sich herausstellt, dass Pu (respektive A.A. Milne) eigentlich viel von der Kabala übernommen hat, oder den weiblichen Mysterien verhaftet ist, oder eben der griechischen Philosphie. Ganz nach Bedarf. Jedenfalls wesentlich vielschichtiger, als der unbedarfte Leser zunächst annimmt.

Nicht ganz so humorig, sondern mit tiefpädagogischem Hintergrund kommt Roger Allen mit seinen Pu-Bänden daher. "Pu in Nadelstreifen " etwa soll "Bärenstarkes Management" vermitteln. "Pu it yourself " ist eine dezidierte Anleitung zur Problemlösung in allen Lebenslagen. Und "Pus Weg zum Erfolg " liefert Tipps zum Erreichen selbst gesetzter Ziele. Bei Allen leben die Figuren nicht nur in der Erinnerung, sondern unterhalten sich mit dem Autoren, reagieren auf ihn und lernen gleichzeitig mit den Lesern die Künste des Managements und Selbstmanagements.

Bleibt noch Entha Mordden zu erwähnen, dessen "Fit mit Pu " eine Anleitung zu "Schönheit und Kraft" für Leute ist, die es normalerweise eher nicht so mit dem Sport haben. Selbst kleine Übungen zwischendurch, meint Mordden, und belegt dies durch Episoden aus Pus Leben, bringen eine Menge für die natürliche Fitness.

Das Pu-Universum ist durchaus ohne neue Veröffentlichungen riesengroß. Neu ist lediglich, dass sich ein Autor konsequent am Originalstil A.A. Milnes versucht hat. Diese Mischung aus phantasievollen, kindgerechten Geschichten und augenzwinkernden psychologischen Skizzen, gefüllt mit Einsprengseln, die nur für Ältere nachvollziebar sind, die die kleineren Leser aber auch nicht stören - an dieser Mischung hat sich nicht einmal Disney versucht, trotz der unzähligen neuen Episoden aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald. Hier macht sich bemerkbar, dass David Benedict schon seit Jahren am Original-Pu arbeitete. Er ist für die englischen Pu-Hörbücher verantwortlich, so wie Harry Rowohlt für die Hörbücher in der deutschen Version. Kongeniale Erzähler alle beide, und ihnen zuzuhören ist fast, als bekäme man die Geschichten von seinen Eltern vorgelesen und könnte für einen Moment wieder Kind sein. Vielleicht ist das alles, was man auch von David Benedicts Fortsetzung "Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald" erwarten kann. Der Band hat sicher nicht das Zeug zum Klassiker. Aber für eine Rückkehr in die Fantasiewelt der Kindheit reicht es allemal.

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Montag, Juli 20, 2009

Charles den Tex: Die Zelle


Titel: Die Zelle : Thriller / Charles den Tex
Aus dem Niederländ. von Stefanie Schäfer
Verfasser: Tex, Charles den; Schäfer, Stefanie [Übers.]
Ausgabe: Dt. Erstausg.
Verleger: Dortmund : Grafit
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 446 S. ; 20 cm
Originaltitel: Cel [dt.]
ISBN: 978-3-89425-659-3
Bestellnummer: 659
Einband/Preis: Pp. : ca. EUR 19.90

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Die Grundidee von Charles den Tex neuem, gerade auf deutsch erschienenen Roman "Die Zelle" ist mittlerweile nicht mehr neu - bereits vor Jahren wurde sie in Filmen wie "Das Netz " mit Sandra Bullock oder in Romanen wie T.C. Boyles "Talk Talk " umgesetzt: Der Kommunikationsexperte Michael Bellicher verliert seine Identität - sie wird ihm via Internet kopiert und entwendet. Auf seinen Namen - und mit seinem Geld - wird ein altes Haus gekauft, ebenso ein Auto; ein Mann wird mit dem auf Bellicher registrierten Wagen angefahren und schwer verletzt. Schließlich wird sogar ein Juwelier mithilfe des Wagens überfallen. So ist es kein Wunder, dass die Polizei hocherfreut ist, als Bellicher mit der Polizei Kontakt aufnimmt. Eigentlich wollte er nur einen Autounfall melden, den er aus der Distanz beobachtet hat. Doch kaum ist die Polizei am Unfallort eingetroffen, wird er verhaftet und über Tage verhört.

Die Methoden, die die Polizei anwendet, kennt der Kommunikationsexperte nur zu gut. So ist er nicht nur in der Lage zu analysieren, was da mit ihm geschieht, sondern kennt auch einige Tricks, mit denen er sich zur Wehr setzen kann. Später, als ihn der BVD in die Mangel nimmt, ist es gar noch einfacher für ihn, die Mechanismen zu durchschauen: denn an den Verhörmethoden hatte er seinerzeit, bei einem seiner letzten Aufträge, selbst mitgearbeitet. Nur hätte er nie gedacht, einmal auf der anderen Seite stehen zu müssen.

Diese "andere Seite" ist das, was den Roman über die 450 Seiten hinweg spannend hält. Denn den Tex schildert nicht nur Bellichers Kampf als Opfer-Dasein, gegen das er mit allen verfügbaren Mitteln ankämpft. Indem er durch seine verlorene Identität zwischen alle Fronten gerät, schafft er einen tiefen Einblick in die Kontrollstrukturen der niederländischen Gesellschaft. den Tex's Beschreibung von Verhörszenen und Aktionen des Geheimdienstes haftet etwas Klaustrophobisches an, das umso tiefer unter die Haut geht, als es den ganz normalen Wahnsinn jeder Staatssicherheit wiedergibt.

Hinter dem Datenklau steckt - und das ist sicherlich ein Hinweis auf den Zustand der niederländischen Stimmungslage - eine islamistische Tarnorganisation, die fremde Identitäten für teures Geld ankauft. Denn die Hacker - so den Tex in seinem Roman - sind in den seltensten Fällen die Verwerter solcher Identitäten. Die Hacker, dass sind oft kleine Computerfreaks, die keine Ahnung davon haben, was mit den von ihnen zusammengesuchten Daten wirklich passiert. Davon, dass sie durch ihre Arbeit den weltweiten Terror unterstützen.

Martin Bellicher nun gerät unfreiwillig zwischen alle Fronten. Polizei und Geheimdienst sind hinter ihm her, der Freundeskreis des Hackers und der türkische Untergrund Amsterdams. Nur sehr langsam begreift er, warum das alles so passiert, wie es ihm passiert. Er lernt, dass er keinen Einzelfall darstellt. Das Phänomen des Datenklaus ist so verbreitet, dass es bereits Selbsthilfegruppen identitätsgeschädigter Internetuser gibt. Der Datenklau geht in die Millionen. Damit zeigt Charles den Tex in "Die Zelle" ein Potential der Internet-Kriminalität auf, von dem wir als Internetnutzer bisher nur ahnen. Denn - so den Tex - einen Hack zu benutzen, um Geld von einem fremden Konto zu überweisen, ist lediglich der Job von Anfängern. Mit Identitäten lässt sich wesentlich mehr Geld machen - und je mehr Daten über jemanden im Internet verfügbar sind, desto leichter funktioniert das Anlegen eines persönlichen Portfolios: mit Foto, Geburtsdatum, Adresse, Bankverbindungen und Passwörtern. Je vollständiger solche Informationen zusammengestellt werden, desto mehr Geld kann so ein Datensatz bringen.

Wie gesagt: all das ist theoretisch längst bekannt und auch schon zu Romanen und Filmen verarbeitet worden. Bei den Tex "Die Zelle" entsteht während des Lesens jedoch ein Sog, der daher rühren mag, dass der Leser vielleicht zum ersten Mal begreift, wie viel all das mit ihm selbst zu tun hat. Kein Wunder, dass "Die Zelle" in den Niederlanden zum meistverkauften Buch des Jahres wurde.

Leseprobe beim Grafit Verlag

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Donnerstag, Juli 02, 2009

Tomas Ross: Der Tod des Kandidaten


Titel: Der Tod des Kandidaten : Roman ; [warum musste Pim Fortuyn sterben? ; Kriminalroman] / Tomas Ross
Aus dem Niederländ. übers. und mit einem Anh. vers. von Matthias Müller
Verfasser: Ross, Tomas; Müller, Matthias [Übers.]
Ausgabe: Dt. Erstausg.
Verleger: München : Dt. Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 316 S. ; 20 cm
Gesamttitel: dtv ; 21127
Originaltitel: De zesde mei [dt.]
ISBN: 978-3-423-21127-7
Einband/Preis: kart. : EUR 9.95

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Ein Politiker wird ermordet. Kein gewöhnlicher Abgeordneter, sondern ein illustres Kerlchen, das die niederländische Politik gerade gehörig aufmischte. Das sich offen zu seiner Homosexualität bekannte und gegen die Islamisierung der Nation wetterte. Ein Rechtspopulist, der aller Meinungsforschung zufolge das Zeug hatte, der nächste Ministerpräsident der Niederlande zu werden. Am 6. Mai 2002 wird er von einem radikalen Tierschützer ermordet. Heißt es. Das riecht ein wenig nach Lee Harvey Oswald, ein wenig zu absurd, um so - wie es die Medien berichteten - wahr zu sein.

Und da das Vertrauen der Bevölkerung der Niederlanden in ihren Verfassungsschutz derzeit auf einem historischen Tiefstand liegt, bietet es sich nahezu an, dass ein gewiefter Journalist die Fakten rund um den Mord zusammensucht und diese zu einem Buch verarbeitet. Sind die Fakten gesichert, bietet sich ein Sachbuch an. Ist die Quellenlage unsicherer (oder deren Veröffentlichung bedrohlicher), ist die Wahl eines Romans deutlich vorzuziehen.

Der Name des Journalisten, der sich daran machte, die Fakten um den Mord am niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn zu einem Buch zu verarbeiten, ist Willem Pieter Hogendoorn. Er ist für das Thema Verfassungsschutz bestens sensibilisiert, arbeitete sein Vater doch beim niederländischen Inlandsgeheimdienst BVD. Bereits ein Jahr nach dem Mord an Fortuyn veröffentlichte Hogendoorn unter dem Pseudonym "Tomas Ross" den Roman "De zesde mei", nun - sechs Jahre später - auch auf deutsch unter dem Namen "Der Tod des Kandidaten" erschienen.

Darin erzählt er die - fiktive - Geschichte van Anke Luyten, einer ehemaligen Freundin des späteren Mörders, die vom Geheimdienst angeworben wird, um ihren Ex auszuspionieren. Denn der BVD hat längst Wind davon bekommen, dass ein Politikermord ins Haus steht. Fast nebenbei zeigt Hogendoorn alias Ross die Mechanismen, mit denen Anke in die Zusammenarbeit getrieben wird. Nur: es geht in diesem Roman nicht um ein Gut gegen Böse. Der Geheimdienst hat kein Interesse daran, den Mord zu verhindern. Im Gegenteil.

In einer zweiten Ebene des Romans erlebt der Leser die letzten Wochen und Tage des Pim Fortuyn aus dessen Perspektive nach. Wir tauchen ein in seine Gedankenwelt, erleben ihn auf Wahlkampfveranstaltungen ebenso wie in seinem privaten "Palazzo" (dessen Inventar dieser Tage versteigert wurde). Diese Ausschnitte aus seinem Leben reichen vielleicht nicht, um Fortuyn sympathisch werden zu lassen, helfen jedoch, das politische Beziehungsgeflecht in den Niederlanden 2002 besser zu verstehen.

Dazu hilft auch die dritte Perspektive, die in den Roman hineingeflochten ist: Jim de Booy ist als Zeitungsfotograf so etwas wie das alter ego des Autors. Er recherchiert die Fakten rund um die Protagonistin Anke und zeichnet so ein Bild der radikalen Tierschützer, aus deren Umfeld der Mörder stammt. Und er entwickelt sich zum Hoffotografen Fortuyns, ist auf den wichtigsten Wahlkampfveranstaltungen dabei und macht sich sein eigenes Bild vom Auftreten des Politikers.

Ross versucht sich gar nicht erst an einer Schwarz-Weiß-Zeichnung der politischen Situation. Er weiß, dass Fortuyn nur deswegen derart populär werden konnte, weil er in etlichen Punkten recht hat und in anderen zumindest die Meinung eines Großteils der Bevölkerung trifft. So tauchen im Roman immer wieder Immigranten auf, die Fortuyn zumindest teilweise zustimmen. Und auch bei den anderen Akteuren findet sich selten klare Ablehnung oder Zustimmung, sondern immer das unsichere Gemisch aus Anziehung und Ablehnung.

Dass Tomas Ross mit seinem Roman "Der Tod des Kandidaten" auch auf die gesamte politische Führung der Niederlande jener Jahre Bezug nimmt und seine Spitzen verteilt, macht die Lektüre für den deutschen Leser ein wenig kompliziert. Allerdings merkte ich, dass dies für die niederländischen Leser mit Sicherheit zu dem gehobenen Spaß während des Lesens gehört haben muss - wünschte ich mir doch, dass ein deutscher Autor den Mut aufbringt, derart despektierlich über die hiesigen politischen Lager zu schreiben. Vergleichbare Kriminalromane sind in Deutschland rar - obwohl es Themen genug gäbe.

Die Niederländer sind mit dem Roman jedenfalls glücklich. Dort erhielt Ross den „Gouden Strop“ für den besten Spannungsroman des Jahres. Und hier in Deutschland hat es das Buch zumindest auf die "KrimiWelt Bestenliste" als eins der zehn wichtigsten Kriminalromane im Juni 2009 geschafft. Wer sich auch nur ansatzweise für die Politik unseres Nachbarlandes interessiert, oder wer sein Gespür für die Machenschaften der Geheimdienste nicht ganz verlieren will, ist mit "Der Tod des Kandidaten" von Tomas Ross bestens bedient.

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Mittwoch, Mai 20, 2009

Ronnith Neuman: Tod auf Korfu


Titel: Tod auf Korfu : Kriminalroman / Ronnith Neuman
Verfasser: Neumann, Ronnith
Ausgabe: Ungekürzte Ausg., 1. Aufl.
Verleger: Berlin : List
Erscheinungsjahr: 2008
Umfang/Format: 457 S. ; 19 cm
Gesamttitel: List-Taschenbuch ; 60811
ISBN: 978-3-548-60811-2
Einband/Preis: kart. : EUR 8.95

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Korfu ist eine wunderschöne Insel. Leider gibt es nicht viele Romane, die hier spielen. Werner von der Schulenburgs "Der König von Korfu " fällt mir ein - ein historischer Roman, der zur Zeit der Belagerung durch die Türken 1716 spielt. Dann natürlich "Das dritte Prinzip " mit einigen wunderschönen Beschreibungen der Insel. Allerdings spielt dieser Roman nicht nur auf Korfu selbst, sondern zumindest anfangs in Hamburg und Paris. Relativ neu erhältlich ist Ronnith Neumans "Tod auf Korfu".

Der Roman taucht tief in die deutsche Geschichte ein und ist diesbezüglich sauber recherchiert: Gegen Ende des zweiten Weltkriegs kam es in Griechenland immer wieder zu Säuberungsaktionen durch deutsche Einheiten. Ganze Dörfer wurden als Vergeltungsmaßnahmen dem Erdboden gleich gemacht. Gefangene wurden in die KZs verfrachtet und dort zum Teil als Versuchsperson für die medizinische Forschung eingesetzt. All dies bildet den ernsten Hintergrund für eine aktuelle Story, in der es um eine Serie von Morden auf Korfu geht: inszenierte, rituelle Morde, die zum Teil auf SM-Praktiken deuten.

Hauptkommissar Alexandros Kasantzakis, der sich eigentlich auf Korfu zurückgezogen hat, weil ihm die Arbeit bei der Athener Polizei zu hektisch war, macht sich mit seinem Team an die Ermittlungen. Relativ schnell stellt er fest, dass der Mörder durch die Inszenierungen der Tatorte eine Botschaft loswerden will. Doch braucht er relativ lange, bis er die einzelnen Puzzlesteine zu einem Gesamtbild zusammengefasst hat.

Ihm zur Seite steht die Kunstfotografin Kristina Tzavrou, die eigentlich ihre Zeit mit der Vorbereitung ihrer neuen Ausstellung verbringen sollte, aber ständig dazu geholt wird, wenn es ums Ablichten eines Tatorts geht. Sie ist die eigentliche Hauptperson des Romans. Wenn sie anfängt, auf eigene Faust zu recherchieren, bekommt der Roman Tempo und Farbe. Denn da sie zwar für, aber nicht bei der Polizei arbeitet, hat sie ihren ganz eigenen Möglichkeiten, an Fakten heranzukommen.

Daneben wird der Roman regelmäßig durch Tagebucheintragungen unterbrochen. Zunächst wird nicht ganz klar, wer der Autor dieser Passagen ist. Doch mit der Zeit fügen sich die Informationen aus diesen Abschnitten nahtlos in das Gesamtbild ein und helfen dem Leser, parallel und zuweilen vor Polizei und Kristina, zu verstehen, was sich auf Korfu tatsächlich ereignet hat.

Ein wenig Zeit zum Einlesen sollte der geneigte Leser sich schon nehmen. Der Roman wirkte auf mich auf den ersten Seiten wie ein Anfängertext: ärgerlich redundant, Überflüssiges betonend ("Kein Suizid!" - "Also kein Selbstmord?" - "Nein, kein Selbstmord."), ein wenig unbeholfen. Zum Glück kommt Ronnith Neuman dann in Routine, der Text liest sich bald flüssiger. Und schnell stellt sich heraus, dass Neumans Stärke vielleicht nicht in der Formulierkunst, wohl aber im Plotten eines Romans liegt. Denn ihr Text nimmt zusehends an Fahrt auf und steigert sich bis zum furiosen Ende hin in bester Mankell-Manier. Nur gelegentlich gehen ihr dabei ein wenig die Pferde durch, so dass die Auflösung zu einer Mischung aus Edgar Wallace und Tolkien'schem Gollum gerät. Für ihren ersten Roman mag der Leser ihr das verzeihen. Insgesamt vermittelt "Tod auf Korfu" viel von der Stimmung eines Sommers auf der Insel und ist somit als Urlaubslektüre bestens geeignet - solange man sich vom Thema nicht die Laune verderben lässt.

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Donnerstag, April 09, 2009

Lisa Appignanesi: In der Stille des Winters


Titel: In der Stille des Winters : Roman / Lisa Appignanesi
Aus dem Engl. von Wolf-Dietrich Müller
Verfasser: Appignanesi, Lisa
Ausgabe: 5., Aufl.
Verleger: Berlin : Aufbau-Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr: 2005
Umfang/Format: 412 S. ; 19 cm
Gesamttitel: Aufbau-Taschenbücher ; 2181
Originaltitel: The dead of winter
ISBN: 3-7466-2181-X
Einband/Preis: kart. : EUR 6.00, sfr 11.20
Sachgruppe: Englische Literatur ; Belletristik

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Eine Aufführung von Ibsens "Hedda Gabler" und die Weite des winterlichen Kanadas stehen am Anfang dieses atmosphärisch dichten Romans. Madeleine Blais heißt die Schauspielerin in der Rolle der Hedda, jener Frau, die - unter ihrer Beziehung und der Banalität des Alltags leidend - sich am Ende des Stücks erschießt. Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag, mit dem Tod Madeleines: Pierre, der von ihr getrennt lebende Ehemann, findet sie erhängt in einer Scheune baumelnd. Zunächst sieht alles nach Selbstmord aus, vielleicht sogar ausgelöst durch die überempathische Identifikation mit ihrer Rolle. Doch ihre Großmutter zweifelt an dieser Theorie. Und bringt Pierre dazu, Nachforschungen anzustellen.

Was wie ein Krimi beginnt, entpuppt sich auf den nächsten hundert Seiten als Beziehungsroman: Schritt für Schritt erinnert sich Pierre an die erste Begegnung mit Madeleine, an ihre gemeinsame Zeit, an die Probleme, den ihr Beruf mit sich bringt. Über weite Strecken fühlte ich mich beim Lesen an den Film Meine Frau, die Schauspielerin von Yvan Attal erinnert. Denn auch Pierre leidet an der Öffentlichkeit seiner Frau, an den Liebesszenen, die er nur auf der Leinwand beobachten kann und an der ständigen Abwesenheit Madeleines. All dies ist einfühlsam geschrieben, liest sich leicht, führt aber nirgendwo hin. Die Frage, ob nun Selbstmord oder Mord, steht unbeantwortet im Raum; neue Spuren gibt es nicht.

Im zweiten Teil des Romans nimmt die Handlung langsam an Fahrt auf. Mögliche Täter tauchen auf, Kleinkriminelle, die in einem Abbruchhaus mit Drogen dealen. Ein Kommissar aus Montreal schaltet sich in die Ermittlungen ein. Auch Pierre gehört jetzt zu den Verdächtigen, und in einem verwirrenden Augenblick des Verhörs weiß er selbst nicht mehr, ob er etwas mit dem Tod Madeleines zu tun hat. Er wird bedroht, eine Fensterscheibe seines Hauses wird eingeworfen, seine Katze brutal ermordet. Nun liegt Gefahr in der Luft, und in dieser aufgeladenen Atmosphäre gewinnt "In der Stille des Winters" an Tempo, entwickelt einen Sog, der mich bis zum Ende nicht mehr losgelassen hat.

Das "Hamburger Abendblatt" hat Lisa Appignanesis Stil mit Henning Mankell verglichen, mit jener langsamen Erzählweise, in der viel Platz für Beobachtungen, für Atmosphäre und nachdenkliche Momente bleibt. Das mag auf die zweite Hälfte des Romans zutreffen. In der ersten Hälfte jedoch fehlt In der Stille des Winters die Richtung, das Ziel. Der Tod Madeleines in der Scheune gleich zu Anfang des Romans ist ein Trick, den Krimileser bei der Stange zu halten, denn die folgenden Seiten haben zunächst ein ganz anderes Ziel und könnten als Psychogramm einer gescheiterten Ehe durchaus für sich stehen. Wer sich darauf nicht einlassen mag, ist mit diesem Buch falsch beraten.

Mich hat dieser Band über mehrere Monate begleitet. Immer mal wieder las ich ein paar Seiten, lies mich in die Atmosphäre des winterlichen Kanadas entführen, und hatte einen Moment Anteil an der melancholischen Beziehungsgeschichte der beiden Protagonisten. Und obwohl mir der Stil Appignanesis gut gefiel, packte mich der Roman lange nicht. Nicht, dass er mich kalt ließ - sonst hätte ich ihn weggelegt. Aber es trieb auch nichts voran. Pierre und Madeleine wurden zu Freunden, die ich gelegentlich sah, mit denen es mir gut ging, die mich aber nicht dazu drängten, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Dies änderte sich schlagartig, als "In der Stille des Winters" an Fahrt aufnahm und sich der Roman zum Krimi entwickelte. In jenem zweiten Teil funktioniert der Spannungsbogen. Die Geschichte wurde zum Pageturner: die letzten zweihundert Seiten verschlang ich an einem Nachmittag.

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Mittwoch, April 08, 2009

Lambrecht/Baars: Mission Gottesreich


Titel: Mission Gottesreich : fundamentalistische Christen in Deutschland / Oda Lambrecht ; Christian Baars
Verfasser: Lambrecht, Oda ; Baars, Christian
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Berlin : Links
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 246 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-86153-512-6
Einband/Preis: kart. : EUR 16.90 (DE), EUR 17.40 (AT)
Schlagwörter: Deutschland ; Fundamentalismus ; Christentum
Sachgruppe: Theologie, Christentum

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Leseproben auf der Homepage zum Buch

Der Titel führt in die Irre. Egal, wie radikal die Positionen der einzelnen evangelikalen oder charismatischen, bibeltreu freikirchlichen Gemeinden oder Gruppen auch sind: als fundamentalistisch würden sie alle sich nicht bezeichnen. Insofern werden sie sich durch dieses Buch, das einen guten Überblick über die radikal-christliche Szene in Deutschland gibt, auch nicht angesprochen fühlen. Dies ist das Kernproblem des Buches: Oda Lambrecht und Christian Baars sind Journalisten, ihr Blick kommt von außen, wird aber oft den theologischen Positionen und Feinheiten des Gemeindelebens nicht gerecht. Insofern mag "Mission Gottesreich" akribisch dokumentiert sein - doch kaum ein Evangelikaler wird sich darin wiederfinden.

Das Gleiche gilt für einige der Behauptungen des Buches. Sicher, die bibeltreuen Christen proklamieren immer wieder für sich, die Bibel wörtlich zu nehmen. Und dabei kommt es zu ungewöhnlichen Phänomenen wie dem Kreationismus. Aber wenn Baar und Lambrecht die Floskeln der Szene nachbeten, die fundamentalen Christen würden jegliches historisch-kritische Herangehen an die Bibel ablehnen, geben sie lediglich verbreitete Propaganda weiter. Das Problem der evangelikalen Szene ist ja eben, dass sie (mehr oder weniger wahllos) die historisch-kritische Keule immer dort ansetzen, wo diese ihr eigenes Weltbild unterstützt. So wird z.B. Paulus' Verhältnis zu Frauen oft und gern historisch-kritisch relativiert, um die aktive Rolle der Frauen in den Gemeinden zu legitimieren. Dieser pragmatische Umgang mit der Bibel als Legitimation der eigenen Weltanschauung wird von den Autoren leider nicht durchschaut. Statt dessen werden - oft im O-Ton - die Selbsteinschätzungen der Gruppen in den Mittelpunkt gerückt. Und die schrammen leider oft an der Wahrheit vorbei - auch wenn sie diese für sich proklamiert.

Auch ist den beiden Autoren ein gewisser Hang zur Manipulation nicht abzusprechen. Ganz offensichtlich hatten viele Gemeinden kein Interesse an einer Zusammenarbeit bei dem Projekt. Baars und Lambrecht geben oft auch unumwunden zu, keine Stellungnahmen der jeweiligen Gemeinden bekommen zu haben. So weit, so gut. Absurd wird es, wenn in dem Zusammenhang dann bei jedem Absatz neu angefügt wird, dass ein Prediger zu diesem speziellen Problem keine Auskunft gegeben habe. Richtig sicher insofern, da er sich überhaupt nicht geäußert hat. Unsinnig aber, weil es den Sachverhalt verfälscht: den beiden war es eben nicht gelungen, die Person überhaupt zu einem Gespräch oder einem Kommentar zu bewegen. Dies aber ist etwas grundsätzlich anderes als zu einem bestimmten Thema die Aussage verweigert zu bekommen, wie oft im Text suggeriert wird.

Dabei wäre eine tiefere Analyse der evangelikal-charismatischen Szene in Deutschland dringend nötig. Freikirchliche Gemeinden und Gruppen gibt es zuhauf. Über eine Million evangelikale Christen soll es in Deutschland geben. Für jede der Gemeinden gibt es eine ganze Reihe von Ehemaligen, die an den selbstgerechten Kodizees der Gemeindeleitung gescheitert sind - und von daher Übles zu berichten wissen. Diese kommen in "Mission Gottesreich" zahlreich zu Wort. Sie berichten von ihren Erfahrungen, von sozialen und gruppenpsychologischen Prozessen, zuweilen auch von obskuren Praktiken. Hier wäre ein Blick von innen hilfreich, ein Versuch zu verstehen, wie es überhaupt zu solch radikalen Tendenzen kommen kann. Leider fehlt dieser Schritt weitestgehend. Die Autoren begnügen sich im Aufzeigen - und greifen damit zu kurz. Hier wäre es hilfreich gewesen, den Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit radikaler Gemeinden aufzuzeigen - eine Diskrepanz, für die bei dem Konzept der Freak-Show, mit dem die Autoren Baars und Lambrecht an das Thema herangehen, kein Platz bleibt. Ihr Ansatz funktioniert nur insoweit, als sie die Auswüchse fundamentalistischen Christentums als rein soziologisches Phänomen betrachten. Die Probleme eines christlichen Fundamentalismus unter der Voraussetzung einer Existenz Gottes bleiben außen vor, und sei es als Gedankenspiel. Aber kann ein Buch funktionieren, wenn es schon die Grundannahme des zu beschreibenden Gebietes nicht ernst nimmt? Insofern wundert es nicht, wenn das Buch für Mitglieder von freikirchlichen Gruppen bzw. deren Angehörigen kaum greifbare Ansatzpunkte bietet.

So wird Lambrecht und Baars "Mission Gottesreich" zu einer vergnüglichen Sight-Seeing-Tour, die auf knapp 250 Seiten eine Menge wirrer Phänomene abgrast, die interessantesten Schauplätze der deutschen evangelikalen Szene ansteuert, mit vielen O-Tönen kurz verweilt, um dann zum nächsten Thema überzugehen. Das ist amüsant, an manchen Punkten auch erschreckend. Aber es bleibt sehr an der Oberfläche. Das Buch reiht sich nahtlos ein in Reportagen wie "Jesus Camp" oder "Religulous". Es verschafft Einblicke, schafft einen gewissen Schauer über nicht nachvollziehbare Praktiken, bleibt dabei aber in der Rolle der Freak-Show stecken. Weder gelingt es ihm, die Positionen der christlichen Fundamentalisten wirklich transparent zu machen, noch reicht es für eine system-immanente Kritik des bibeltreuen Glaubenslebens. Damit grenzt sich die Zielgruppe für dieses Buch enorm ein. Für Angehörige oder Betroffene, die sich zu lösen versuchen, ist es zu oberflächlich, für Aktive fehlt die Auseinandersetzung mit den inneren Widersprüchen und Fachleuten werden den wissenschaftliche Ansatz (egal ob theologisch, soziologisch, psychologisch oder gar inter-disziplinär) vermissen. Gut ist es, um sich einen ersten Einblick über das Thema zu verschaffen. Wer Bill Mahers Film "Religulous" mochte, wird auch hier eine Menge Grund zum Kopfschütteln finden.
Haben Sie das Buch gelesen? Über einen Kommentar mit Ihrer Einschätzung würde ich mich freuen. Sie können ihn hier posten.

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Mittwoch, März 18, 2009

Heinz Strunk: Die Zunge Europas


Titel: Die Zunge Europas : Roman / Heinz Strunk
Verfasser: Strunk, Heinz
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Reinbek bei Hamburg : Rowohlt
Erscheinungsjahr: 2008
Umfang/Format: 316 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-498-06398-6
Einband/Preis: Gebundene Ausgabe (Pp.) : EUR 19.90
Sachgruppe: Deutsche Literatur ; Belletristik

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auch als Hörbuch erhältlich

Leseprobe beim Rowohlt Verlag

So ganz verstehe ich das Problem des Heinz Strunk nicht. Sicher: er hat langsam durchgestartet. Seine Zeit als Musiker war wenig glorreich. Auch mit seiner Humoristen-Karriere bei "Studio Braun" traf er eher eine kleine Marktnische - selbst wenn er sich als Vorreiter der weit verbreiteten Telefonstreich-Morningshow-Gags im Radio sieht. Aber solche Vorreiterrollen sind nun mal wenig finanzträchtig. Es folgten eine Reihe eigener Hörspielproduktionen, die bei Auflagen von 500 bis 1.000 Stück auch nicht für ein geregeltes Einkommen sorgten. Doch dann der Durchbruch: Fleisch ist mein Gemüse brachte es auf über 300.000 verkaufte Exemplare, wurde verfilmt, schließlich zur Operette verwurstet. Damit dürften die Finanzprobleme fürs Erste beseitigt sein.

Man hätte also denken können, dass sich Strunk für das Schreiben nun Zeit lassen kann - Zeit für einen sauberen Plot, Zeit für eine lesenswerte Geschichte. Doch sein zweites Buch Die Zunge Europas lässt von den Qualitäten, die Fleisch ist mein Gemüse hat, wenig durchscheinen. Während der erste Roman atmosphärisch dicht, lakonisch komisch und rund konstruiert ist, erinnert Die Zunge Europas eher an Schreibübungen. Wieder wirkt der Romans stark autobiographisch, aber statt den Bogen über mehrere Jahre zu spannen, wie er es in seinem literarischen Erstling tat, begnügt sich Strunk hier mit sieben Tagen im Leben seines alter egos Markus Erdmann. Das mag als Kunstgriff legitim sein. Den Makrokosmos seines autobiografischen Fundus hat Strunk bereits mit seinem ersten Buch umfassend geplündert und sich erzählerisch bis dicht an die Gegenwart herangearbeitet. Ohne Redundanzen wäre ein weiterer Jahre umfassender Bogen kaum machbar. Also ab in den Mikrokosmos des täglichen Kampfes gegen die Depression. Da aber das Leben des Markus Erdmann aus gepflegter Langeweile besteht, vermittelt auch der Roman nichts anderes.

Wir begleiten Erdmann bei seinen unglücklichen Versuchen, der eigenen Antriebslosigkeit ein Schnippchen zu schlagen: bei seinen Zappingtouren durchs Fernsehen, dem Besuch der (teilweise dementen) Großeltern, dem Versuch, einen Job als Drehbuchautor zu bekommen, der nächtlichen Kneipentour. Erdmann ist liiert, aber diese Beziehung zu Sonja ist ausgelutscht. Einst war sie seine große Liebe, eine Idealgestalt. Aber wie Idealgestalten im Alltag so sind: sie werden menschlich und die großen Gefühle schrumpfen zusammen. Nun taucht plötzlich Janne auf, eine alte Freundin aus Jugendtagen. Sie reißt ihn, wenigstens für einen Augenblick, eine Nacht lang, aus seiner Lethargie. Prompt beschließt er, sich von Sonja zu trennen.

In all dieser Hoffnungslosigkeit keimt die titelgebende Idee in ihm: sein Onkel Friedrich ist ein begnadeter Erzähler - lustig, pointiert, welterfahren. Wenn Erdmann diesen Onkel dazu bringen könnte, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen, dann wäre sein nächstes Buchprojekt mit einiger Sicherheit ein Erfolg. Onkel Friedrich war Kaffeeprüfer im Hamburger Freihafen, mit einer Zunge, die sonst nur große Weinkenner ihr eigen nennen. Dieser Fähigkeit, auch kleinste Geschmacksnuancen im Kaffee zu erkennen und einzuordnen, brachte ihm seinerzeit den Spitznamen "Die Zunge Europas" ein. Nur hat leider Onkel Friedrich überhaupt keine Lust, seinem Neffen seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Während in Fleisch ist mein Gemüse viel Wehmut mitschwingt und der Humor immer etwas Liebenswertes hat, ist Die Zunge Europas eine misanthropische Abrechnung mit dem Leben. Erdmann alias Strunk alias Halfpape gießt sein ganzes Füllhorn der Häme auf alles aus, was er beobachtet. Nichts hat vor seinem Blick Bestand, nichts zeigt sich wirklich lebens- oder gar liebenswert. Das ist auf die Dauer ermüdend, auch wenn ihm gelegentlich ein Bonmot gelingt, das - in weniger konzentriertem Kontext - durchaus witzig wäre.

Formal versucht er sich auf Neuland, indem er gelegentlich Infokästen an den Rand seines Textes setzt, in denen er Kommentare und weitere Informationen setzt, die im Haupttext nicht zu suchen haben. Auch am Rand machen sie nicht wirklich Sinn, sind aber zumindest ansatzweise als Gag akzeptabel. Die dort gegebenen Infos sind zuweilen mit Vorsicht zu betrachten. Wenn er etwa in einem solchen Kasten behauptet, Kiefernorthopäden könnten anhand der Badezimmerspiegelbeschmutzung präzise Angaben über Zustand des Gebisses, Zahnstand und Pflegezustand machen, verdeutlicht er zwar damit die beabsichtigte Funktion des Kastens als Pointe, senkt aber das Niveau des Romans gleichzeitig auf das des von ihm gerne beschimpften medialen Quatsch-Comedy-Overkills.

Stilistisch ist Die Zunge Europas weniger sicher als Fleisch ist mein Gemüse. Zwar schildert er auch hier große Teile in der von ihm bevorzugten ersten Person, so dass sich der Roman durchaus als Fortsetzung verstehen lässt. Doch hat Strunk hier weniger Hemmungen, gelegentlich die Perspektive zu wechseln, um sich die Lebensläufe derjenigen auszudenken, die ihm über den Weg laufen - und dann seitenweise aus ihrer Perspektive zu schreiben. Gut, die Gefahr, dass sich der Leser mit Erdmann identifiziert, ist ohnehin nicht so groß, denn anders als der Heinzer ist Erdmann in seiner arroganten Muffeligkeit ein absoluter Unsympath. Trotzdem reißen diese Perspektivwechsel aus dem Erzählstrom heraus. Sie wirken eher wie ein künstliches Blow-up einer zu kurz geratenen Sequenz denn als notwendiger Bestandteil des Plots. So, als habe Strunk beim Schreiben ständig überlegt, wo er dem Text noch etwas hinzufügen könne. Dies wirkt ähnlich deplatziert wie die seitenlangen Beschreibungen von im Fernsehen verfolgten Sendungen. Solche Berichte vom Fernsehalltag gab es immer mal wieder, sei es der Selbstversuch von Thomas Widmer für die Weltwoche oder die Fernseh-Tagebücher von Frank Weichhan (Mainpost) oder Holger Kreitling (Die Welt). Das bloße Beschreiben von TV-Inhalten der Privatsender ist wenig originell und ich frage mich beim Lesen unwillkürlich, ob ich mich hier dem literarischen Äquivalent des Unterschichtenfernsehens nähere. Dafür ist mir meine Zeit als Leser zu schade.

Was bleibt? Ein leicht bitterer Nachgeschmack. Ich hatte mich auf den neuen Strunk gefreut, um noch ein wenig im Feeling von Fleisch ist mein Gemüse baden zu können. Das hat mir Die Zunge Europas trotz des Fortsetzungscharakters nicht ermöglicht. Der Roman bot aber auch nichts Neues, Eigenständiges. Schade.

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