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Dienstag, März 04, 2008

Karen Joy Fowler: Der Jane Austen Club


Titel: Der Jane Austen Club : Roman zum Film mit Emily Blunt und Kathy Baker, vom Drehbuchautor des Welterfolgs "Die Geisha" / Karen J. Fowler
Übersetzung: aus d. Engl. von Marcus Ingendaay
Verfasser: Fowler, Karen J.
Verleger: München : Goldmann Verlag
Erscheinungsjahr: 2008
Umfang/Format: 320 S. ; 183 mm x 125 mm
Originaltitel: The Jane Austen Book Club (dt.)
Anmerkungen: Orig.-Ausg.: G.P. Putnam's Sons
ISBN: 978-3-442-46766-2
3-442-46766-7
Einband/Preis: kart. : EUR 7.95

Gibt es Frauenbücher? Folgt man der üblichen „Männer sind vom Mars“-Theorie, dann sind sämtliche Romanzen Frauenliteratur und sämtliche Abenteuergeschichten Männer-Werke. Jane Austens Werk ist definitiv Weltliteratur. Sie erzählt Geschichten über Liebe und Sehnsucht, ist aber darüber hinaus eine sehr genaue Beobachterin der Psyche. Sie schildert genau, aber mit einem schalkhaften Augenzwinkern. Beschreibt ganz nebenbei die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, den Wechsel vom 18. zum 19. Jahrhundert. Sie ist kurzweilig.

Kein Wunder, dass es in den letzten Jahren eine wahre Austen-Renaissance gab. Kaum ein Jahr, in dem keine neue Austen-Verfilmung auf den Markt kam. Oder Verfilmungen ihres Lebens, wie „Geliebte Jane“. Oder der „Jane Austen Club“, ursprünglich ein Bestsellerlisten stürmender Roman, mittlerweile verfilmt und im Februar neu in unsere Kinos gekommen.

Zugegeben: auch ohne das Werk Jane Austens zu kennen, macht es Spaß, den „Austen-Club“ zu lesen. Er erzählt die Geschichte von fünf Frauen zwischen Twen und Sixty-Something, die sich monatlich treffen, um je ein Werk von Jane Austen zu besprechen. Und da die fünf Frauen unterschiedlicher nicht sein können, ist auch ihr Zugang zur Autorin sehr verschieden. Ebenfalls mit im Club ist ein junger Informatiker, der von Austen bis dato keine Ahnung hatte. Er stieß lediglich dazu, weil er auf die nähere Bekanntschaft einer der Teilnehmerinnen hoffte.

Der Roman funktioniert auf zwei Ebenen: während auf der Plot-Ebene die einzelnen Charaktere und ihre Beziehung zueinander entwickelt wird, ist der Subplot nur für Austen-Fans nachvollziehbar. Denn kaum ein Satz funktioniert nicht auch als Anspielung auf das Werk Austens, zeigt Parallelen zu den Figuren aus Austens Büchern, zu ihren Schrullen und Vorlieben. Erst hier entfaltet sich der volle Lesegenuss, weil durch die Geschichten um Bernadette, Jocelyn, Silvia, ihre Tochter Allegra, Prudie und Grigg immer auch die Figuren und Leben der Austen-Geschöpfe hindurch scheinen.

Diese Subebene geht natürlich bei der Verfilmung zum Teil verloren. Zwar ist auch der Film bis in die letzte Szene durchkomponiert (was durch die deutsche Synchronistation nicht immer deutlich vermittelt wird). Jedoch hat der Plot keine Chance, auch nur annähernd die Figuren so auszuloten, wie die Romanvorlage es tat. Austen - und damit auch jede Austen-Reminiszenz lebt sowohl von der psychologischen Einfühlsamkeit der Autorin als auch von der genauen Durchleuchtung der Lebenswelt der Figuren. Beides bleibt in der Verfilmung zumindest zum Teil auf der Strecke. So ist der Film gut, um auf Austen neugierig zu machen. Mich hat er dazu gebracht, mir zum Frühjahr erneut das Werk Austens vorzunehmen. Und vielleicht ist das schon eine ganze Menge. Ausgesprochene Austen-Fans sollten jedoch lieber auf das Buch zurückgreifen.

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Freitag, Januar 11, 2008

Philip Roth: Exist Ghost


Autor: Philip Roth
Titel: Exit Ghost
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Hanser; Auflage: 1
Erstverkaufstag: 09.02.2008
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3446230017
ISBN-13: 978-3446230019
Preis: 19,90 €

Verlagsangaben: Man sagt, dass sich ein großer Autor daran erweist, wie er Szenen von Liebe und Tod, von Sex und vom Sterben schreiben kann. Philip Roth kann beides. Als Nathan Zuckerman in seinem Roman „Ghost Writer“ 1979 erstmals auftrat, war er 23 Jahre alt. Nun ist Roth' Alter Ego 71 - und wird uns in seinem neuesten Werk „Exit Ghost“ ein letztes Mal begegnen:
Zuckerman, Roths langjähriger Held und vielleicht sein Alter Ego, kehrt nach New York zurück, um dann für immer abzutreten. Er trifft in Manhattan ein junges Paar, das nach dem 11. September der Stadt entfliehen will, und bietet ihnen einen Wohnungstausch an - nicht ohne Hintergedanken. Ihn fasziniert Jamie, die junge Frau, und ihn überfallen Gefühle, die er längst überwunden glaubte. Durch sie lernt er einen Mann kennen, der die Biographie des vom jungen Zuckerman verehrten Schriftstellers Lonoff schreiben möchte. Auf einmal ist Zuckerman so involviert, wie er es nie mehr sein wollte. Liebe, Trauer, Begehren und Ressentiment, alles ist wieder da.


Wie in Deutschland mittlerweile üblich, gibt es auch diesen neuen Roman als Hörbuch. Er erscheint am 22.02.2008 im DHV Hörverlag auf 10 CDs. Der Verlag über das Hörbuch: „Glänzend offenbart der große Schauspieler Peter Fitz die ganze Kunst des Romanciers Philip Roths, er rhythmisiert dieses Meisterwerk, als läse er eine Partitur, wie ein Stück Musik dirigiert er den Strom des Erzählens. “

Der Sender NPR hat zwei Interviews mit Philip Roth über sein Buch "Exit Ghost" geführt.

Rezensionen finden Sie derzeit bei , FAZ, Neue Zürcher Zeitung, New York Times (engl.sprachig), Die Presse, Cicero, Deutschlandradio (Audio-file)

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Donnerstag, Januar 10, 2008

Martin Walser: Ein liebender Mann


Autor: Martin Walser
Titel: Ein liebender Mann
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt, Reinbek
Erstverkaufstag: 07.03.2008
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 349807363X
ISBN-13: 978-3498073633
Preis: 19,90 €

Noch macht der neue Roman Ein liebender Mann von Martin Walser eher dadurch von sich reden, dass er zur Versöhnung zwischen Walser und der FAZ beigetragen hat. Hatte doch die Frankfurter Zeitung seinerzeit seinen Tod eines Kritikers völlig zerrissen und den damals geplanten Vorabdruck gestoppt. Aber nun ist alles wieder gut. Die FAZ druckt den neuen Roman, alle haben sich lieb. Sage noch einer, Geld könne Gefühle nicht beeinflussen.
Ich nehme an, auch dieser Roman eines der letzten Ikonen deutscher Autorenschaft wird innerhalb kurzerzeit zum Hauptthema der Feuilletons. Noch ist es nicht soweit. Warten wir ab.
Ein erster Einblick in das Werk lässt sich über die Leseprobe des Rowohlt Verlags gewinnen. Der Ton seiner neuen Schöpfung ist leicht antiquiert, was zum Sujet passt, weniger jedoch zu sonstigen Lesegewohnheiten. Aber an diesen Ton konnte ich mich gewöhnen. An die Selbstverliebtheit des Autoren nicht. Zitat: «Ulrikes Augen sind, weil uns das Wetter gerade eine dicke Kumuluswolke vor die Sonne schiebt, in diesem Augenblick - und ist das nicht ein köstliches Sprachangebot: Augenblick - sind in diesem Augenblick dabei, von Blau nach Grün zu wandern.» War das nicht einer jener Kardinalfehler, die einem im Anfängerkurs "Creative Writing" abgewöhnt wurden: eigene Sprachspiele im Text selbst zu bejubeln? Da nutzt es auch wenig, aus "Wortspiel" mal eben ein "Sprachangebot" zu machen. Da hätte es einen mutigen Lektor gebraucht. Der schien jedoch Herrn Walser nicht verschrecken zu wollen. Und blieb dezent im Hintergrund. Ikonen kritisiert man nicht ungestraft.
Über den Plot kann ich im Moment noch nicht viel sagen. Dazu gibt die Leseprobe zu wenig her. Ich gehe davon aus, dass Herr Walser - entsprechend der Zeit, die er porträtiert und angesichts seiner Referenz auf den Sprachstil - etwas weniger anrüchig in seiner Szenenwahl sein wird als im Vorgängerroman. Es wäre dem Text zu wünschen. Später mehr an dieser Stelle.

Zum Inhalt (Verlagstext): Der 73jährige Goethe - Witwer und so berühmt, dass sein Diener Stadelmann heimlich Haare von ihm verkauft - liebt die 19jährige Ulrike von Levetzow. 1823 in Marienbad werden Blicke getauscht, Worte gewechselt, die beiden küssen einander auf die Goethesche Art. Er sagt nämlich: Beim Küssen kommt es nicht auf die Münder, die Lippen an, sondern auf die Seelen. «Das war sein Zustand: Ulrike oder nichts.»
Wie jäh ist da die Enttäuschung, als er begreifen muss, dass er wegen seines Alters kaum Aussichten hat: Auf einem Kostümball stürzt er, und bei einem Tanztee will sie ein Jüngerer verführen. Der Heiratsantrag, den er ihr trotzdem macht, erreicht sie erst, als ihre Mutter mit ihr nach Karlsbad weiterreisen will. Goethe schreibt die «Marienbader Elegie». Zurück in Weimar, lässt ihn die eifersüchtige Schwiegertochter Ottilie nicht mehr aus den Augen.
Martin Walsers neuer Roman erzählt die Geschichte einer unmöglichen Liebe: bewegend, aufwühlend und zart. Die Glaubwürdigkeit, die Wucht der Empfindungen und ihres Ausdrucks -das alles zeugt von einer Kraft und Sprachleidenschaft ohne Beispiel.



Zeitgleich erscheint auch auf 6 CDs das Hörbuch zum Roman beim Verlag Hoffmann & Campe, gelesen von Martin Walser selbst. Der Verlag schreibt über das Buch:
Goethes letzte Liebe - Martin Walsers erster historischer Roman.
Fünfundfünfzig Jahre Altersunterschied liegen zwischen Goethe und seiner letzten großen Liebe Ulrike von Levetzow, als sie sich 1821 in Marienbad kennenlernen. War diese Ulrike wirklich so ein »flatterhaftes Persönchen«, wie sie von der Literaturwissenschaft dargestellt wird? Martin Walser glaubt nicht daran: »Goethe wäre ein Idiot gewesen, wenn er sich in sie, wie sie verzeichnet wurde, verliebt hätte.« Mit diesem Buch hat Walser eine Ulrike geschaffen, »die der Liebe Goethes würdig« ist.



Martin Walsers Roman "Ein liebender Mann" wird im Februar 2008 in der FAZ vorabgedruckt.

Erste Rezensionen finden Sie bei: Naumburger Tageblatt, Stuttgarter Zeitung, Welt

Mittlerweile hat der Rowohlt-Verlag eine Leseprobe online gestellt. Sie finden sie hier.

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Bernhard Schlink: Das Wochenende


Autor: Bernhard Schlink
Titel: Das Wochenende
Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (März 2008)
Sprache: Deutsch
Ausstattung: 240 S. 184 mm, gebunden (HC)
ISBN-10: 3257066333
ISBN-13: 978-3257066333
Preis: 18,90 ?

Verlagstext: »Nach 20-jähriger Haft hat ihn der Bundespräsident begnadigt. Zum ersten Wochenende in Freiheit lädt seine Schwester die alten Freunde ein. Für sie ist das Leben weitergegangen. Und für ihn? Was bleibt von der Zeit der Gewalt? Legenden? Bewältigung? Sprachlosigkeit?«

»Ein deutscher Sommer, die Vergangenheit wird lebendig. Nach zwanzig Jahren im Gefängnis ist er überraschend begnadigt worden. Christiane, seine Schwester, will sein erstes Wochenende in Freiheit mit einem Dutzend alter Freunde feiern, in einer verfallenen Villa auf dem Land, ohne Reporter und Kameras. Sie alle haben damals in irgendeiner Form mit der Revolution sympathisiert. Heute haben sie ihren festen Platz im bürgerlichen Leben. Die Freunde kommen aus Loyalität, aus Nostalgie, aus Neugier. Aber sie können sich der Konfrontation mit ihrer eigenen Biographie, ihren Lebensträumen und Lebenslügen nicht entziehen. Mit der atmosphärischen Intensität eines Kammerspiels wird Bilanz gezogen.«

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Mittwoch, Januar 09, 2008

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten


Autor: Jonathan Littell
Titel: Die Wohlgesinnten
Broschiert: 1408 Seiten
Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1 (Februar 2008)
ISBN-10: 3827007380
ISBN-13: 978-3827007384
Preis: 36,- €

Im Februar 2008 kommt Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ (frz.: Les Bienveillants) nun im Berlin Verlag auch auf Deutsch heraus. In Frankreich war das Buch der Überraschungserfolg 2006: dort wurden vom ca 900 Seiten (bei uns sogar 1400 Seiten) starken Buch bereits wenige Wochen nach Erscheinen über 200.000 Exemplare verkauft. Mittlerweile sind es über 800.000 Exemplare. Die beiden wichtigsten Literaturpreise Frankreichs folgten auf dem Fuße: der Grand prix du roman de l'Académie française 2006 sowie der Prix Goncourt 2006.

Worum geht es: „Die Wohlgesinnten“, wie der Roman auf Deutsch heißt, ist die fiktive Lebenserinnerungen Dr. jur. Maximilian Aues, eines Offiziers der Waffen-SS, der für die Organisation der „Endlösung“ zuständig war. Detailliert beschreibt er darin Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und insbesondere des Holocaust. Auch Jahre später zeigt er keine Reue, sondern bedauert vielmehr, seine Mission nicht vollständig erreicht zu haben.

Die faz beschreibt es so: »Max Aue war als Freiwilliger aus ideologischer Überzeugung der SS beigetreten - und aus Haß auf seine Mutter, eine Französin, die den Vater verließ, in ihre Heimat zurückkehrte und Max als Jugendlichen von seiner einzigen Liebe trennte, der Zwillingsschwester Una. Er ist homosexuell und hoch kultiviert. Max Aue studiert Jura. Eichmann erkennt seine Fähigkeiten und setzt ihn bei der Planung der Ausmerzung aller Minderheiten ein. Aue ist von der Notwendigkeit dazu überzeugt. Er glaubt an den Nationalsozialismus wie die Juden an ihr Gesetz. Seine Bürotätigkeit wird zur Beschreibung der totalitären Bürokratie.
Er ist auch in Stalingrad, nimmt an den Einsatzgruppen in der Ukraine teil und tötet Juden, aber seine Gedanken sind bei Tschechow. Die Henker und die Opfer werden mit gleicher Faszination und Meisterschaft porträtiert, die Verbrechen klinisch beschrieben. Im besetzten Paris begegnet Max Aue den faschistischen Intellektuellen. Ernst Jünger tritt auf. Der Sturmbannführer ist in Auschwitz und am Ende des Kriegs auch noch in Hitlers Bunker.«


Nun könnte man dem Roman ein wenig Geschichtsklitterung vorwerfen, Glorifizierung einer bösen Zeit gar. Denn wie soll man die Geschichte eines sympathisch beschriebenen Nazischergen, der nicht die geringste Reue zeigt, literarisch sonst einordnen? Deswegen nimmt es umso mehr Wunder, dass gerade Jorge Semprun, ehemals literarisches Gewissen der Linken in Frankreich, Träger des Friedenspreises des Dt. Buchhandels und vieles mehr, in Zusammenhang mit Littells „Wohlgesinnten“ zitiert wird: »Ich war wie erschlagen von diesem unglaublichen Buch. Es ist das Ereignis unserer Jahrhunderthälfte. Ich sehe nicht, welches Buch in den nächsten Jahrzehnten an seine Wirkung heranreichen könnte.«

In einem kurzen Radiobericht auf NDR Kultur hieß es gestern Nachmittag, neben Schlink und Walsers neuen Werken würde dieses Buch sicher zum Hauptdiskussionsstoff für den Bücherfrühling 2008. Damit ist in der Tat zu rechnen.

Die Leseprobe beim Berlin-Verlag zeigt zur Zeit in meinem Browser nur leere Seiten, dafür hat die FAZ einen Reading-Room für das Buch eingerichtet. Sukzessive werden dort die ersten 120 Seiten des Romans zu lesen sein.

Rezensionen finden Sie hier: , faz.net, Frankfurter Rundschau, Neue Zürcher Zeitung, Die Presse, Spiegel, Standard, Stuttgarter Nachrichten, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, taz, Zeit; Zitty Magazin, DRS2 - Schweizer Radio (Audio), ZDF (aspekte) (Die ZDF-Mediathek hat auch einen Video-Beitrag über Littells "Wohlgesinnte", der leider nicht direkt verlinkbar ist. Einfach dort im Suchfeld "Wohlgesinnten" eingegen.

Ein Interview mit dem „Shoa“-Regisseur Claude Lanzmann über den Roman stellt der Buch- und Medienversand Kohlibri als pdf zur Verfügung.

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Mittwoch, Oktober 24, 2007

Michael Wallner: April in Paris


Broschiert: 240 Seiten
Verlag: btb TB (November 2007)
ISBN-10: 3442736935
ISBN-13: 978-3442736935

Die Liebe macht leicht wie ein Schmetterling. Selbst wenn die Umstände, unter denen sie sich entpuppt, nicht immer leicht sind. Zum Beispiel unter Krieg und Besatzung. Aber nicht umsonst ist Paris, wo Michael Wallners Roman spielt, die Stadt der Liebe. Und nicht umsonst versucht die junge Chantal bei ihrer ersten Begegnung mit Roth, einen Schmetterling zu fangen. Und wir merken: dieser Roman steckt voller Symbole. Auf die wir achten können, aber nicht müssen. Der Text wirkt ebenso leicht wie jener Schmetterling aus dem ersten Kapitel: die Sätze sind kurz, verharren selten an einem Punkt, huschen von einem Detail zum nächsten. Die Bilder erinnern an Szenen aus Filmen. Expressionistischen Filmen, wie jenen von Fritz Lang. Eben aus jener Zeit 1943, in der "April in Paris" spielt. Den bedeutungsschweren Schatten des Fensterkreuzs an der Wand kennen wir von Orson Welles. Damals war das Bild unverbraucht.

Gelegentlich schrammt ein Adjektiv am Kern der Sache vorbei. Doch das wird bei einem Liebesroman die wenigsten stören. Auch, dass die wenigsten Bilder, die er benutzt, wirklich neu sind. Ein wenig ärgerlicher vielleicht, dass Wallner seinen Protagonisten Roth nie über das, was er erlebt, reflektieren lässt. So erleben wir die Geschichte quasi von außen, als Film. Wir erleben, was Roth erlebt, sehen, was er sieht, denken, was er denkt - wenn er denn gerade einmal denkt. Diese Art Prosa ist kennzeichnend für die heutigen Unterhaltungsautoren, die beim Schreiben schon mit einem Auge auf eine mögliche Verfilmung zielen. Mehr kann, ja sollte niemand von Michael Wallners "April in Paris" erwarten.

Die Fabel ist einfach: »Frühjahr 1943 im besetzten Paris: Der junge deutsche Gefreite Roth glaubt sich aus den Wirren des Kriegs heraushalten zu können. Tagsüber arbeitet er als Dolmetscher für die Gestapo, abends flaniert er heimlich in Zivilkleidern durch seine geliebte Stadt. Auf einem dieser Streifzüge lernt er Chantal kennen, die Tochter eines französischen Buchhändlers. Er ahnt nicht, dass diese geheimnisvolle junge Frau der Résistance angehört und er dabei ist, sich auf eine unmögliche und äußerst gefährliche Liebe einzulassen. Und viel zu spät begreift er auch, dass er seine Zurückhaltung, die ihm das Leben retten sollte, längst aufgegeben hat...« (Zitat Klappentext)

Diese Art leichter Kost, gerade im Zusammenhang mit einer Liebesgeschichte, liegt voll im Trend dessen, was die internationale Kritik derzeit von uns Deutschen erwartet. Ich denke an Schlinks "Der Vorleser" mit seinem erstaunlichen internationalen Erfolg. So wundert es mich nicht, dass "April in Paris" nach seiner deutschen Veröffentlichung sofort zum Renner auf dem internationalen Lizenzmarkt wurde: New York, Paris, Rom - in über 17 Ländern wollte man den Roman um den jungen deutschen Idealisten haben, der sich im frühlingsfrischen Paris in die Résistance-Kämpferin Chantal verliebt.
Lohnt sich der Aufwand? Für einen verschmökerten Sonntagnachmittag, sicher. Einige der Bilder werden sich ins Gedächtnis graben, und das ist für die deutsche Gegenwarts-Literatur, die sich lange vor allem über abstrakte Gedanken-Kaskaden definierte, gar nicht so wenig. Für alle, die von einem Roman mehr erwarten, geistige Impulse, einen neuen Blickwinkel gar, hat Wallner wenig zu bieten. Vielleicht ist gerade das sein Erfolgsgeheimnis.

Leseprobe bei Random House lesen
Hörprobe bei Random House hören

Rezensionen finden Sie bei: Perlentaucher, Luchterhand, Literaturhaus.de, Rezensionen.ch, Leselust (Privat)

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Montag, Oktober 22, 2007

Julia Franck: Die Mittagsfrau


Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt; Auflage: 1 (2007)
ISBN-10: 3100226003
ISBN-13: 978-3100226006

Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2007 ist Julia Franck; sie erhält die Auszeichnung für ihren Roman Die Mittagsfrau (S. Fischer). „Vor dem Hintergrund zweier Weltkriege erzählt Julia Franck die verstörende Geschichte einer Frau, die ihren Sohn verlässt, ohne sich selbst zu finden. Das Buch überzeugt durch sprachliche Eindringlichkeit, erzählerische Kraft und psychologische Intensität. Ein Roman für lange Gespräche“, so die Begründung der sieben Jury-Mitglieder.
Aber wie immer sagt der Preis wahrscheinlich mehr aus über die Jury als über das Buch selbst. Francks Sätze sind lang, teilweise ein wenig unorthodox unterteilt (oder in neuster deutscher Interpunktion, wer kennt schon den Unterschied). Gelegentlich verzichtet sie auf den Punkt, um sich mit einem Komma zu begnügen. Dies wirkt eher artifiziell als künstlerisch. Vielleicht noch als Reminiszenz an die Literatur jener zwanziger Jahre, wenn auch als unglückliche. Absätze findet sie überflüssig, sie teilt nur grob ihre Handlungsabschnitte damit ein, so dass ihre Absätze gern einmal über eine komplette Seite reichen. Damit wird das Lesen ein wenig anstrengender, für das Auge sind weniger Ruhepunkte auszumachen. Darüber hinaus neigt sie zur indirekten Rede. Das fördert zwar auch nicht unbedingt den Lesefluss, wirkt aber immer gut für die Literarkritik.
Diesen pseudo-literarischen Stil gleicht Franck damit aus, dass ihre Sprache bildreich, beobachtend ist. Wer sich durch den sprunghaften Text durcharbeitet, findet facettenreiche Bilder, die sich leicht festsetzen. Damit macht sie das Lesen zu einem visuellen Ersatz-Erleben, zu einem Fotoalbum, mit dem sie ihre Handlungsfäden illustriert. Diese Art des Beschreibens ist nicht neu, aber bewährt.
Inhaltlich haben wir es mit einem Entwicklungsroman zu tun, der in der Tradition der neuen deutschen Frauenliteratur steht. Wir begleiten Helene, die gegen den Trend der Zeit (zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg) Medizin studieren will, und sich damit gegen den Zeitgeist und die Wertvorstellungen der Männerwelt durchsetzt. Wir begleiten sie ebenso durch ihre diversen Beziehungen und ihre scheiternde Ehe. Nun allein mit ihrem Kind, einem Jungen, fühlt sie sich hoffnungslos überfordert. Und sie tut, wovon viele Eltern zuweilen insgeheim träumen, ohne es je in die Tat umzusetzen: sie geht mit ihm zum Bahnhof, lässt das Kind dort stehen und entschwindet in eine neue, scheinbar schwerelose Zukunft.
Dies ist der eigentliche Kunstgriff des Romans, der mit der Tat des Aussetzens beginnt und dem zunächst vorherrschenden Unverständnis des Lesers nach und nach in Rückblenden begegnet. Das sie damit den in manchen Rezensenten-Kreisen noch immer favorisierten eliptischen Erzählstil nutzt, mag als zusätzliches Kriterium für die Jury des Deutschen Buchpreises gegolten haben. Und durch den Ausgangs- und Schlusspunkt mag auch die nötige Kontroverse angeregt werden, von der es in der Jury heißt, sie sei ausschlaggebend für die Verleihung. Ob dies aber nicht nur ein billiger Trick der Autorin ist, einerseits dem geheimen Wunsch vieler Eltern Ausdruck zu verleihen und andererseits dadurch, dass sie ausmalt, was andere nur in Momenten der Verzweiflung wünschen, eben jene Kontroverse zu entzünden?

Leseprobe Julia Franck: Die Mittagsfrau - auf der Homepage der Autorin lesen
Hörprobe Julia Franck: Die Mittagsfrau - beim Fischer-Verlag anhören

Interview mit Julia Franck - in der Zeit online lesen
Video-Interview mit Julia Franck - beim HR ansehen

Rezensionen finden Sie bei: faz, faz (Glosse), Frankfurter Rundschau, Der Standard, Süddeutsche Zeitung, taz, , Deutschlandradio (auch als mp3-Audio), Titel-Forum

Eine zusammenfassende Übersicht verschiedener Rezensionen finden Sie wie immer auch beim Perlentaucher.

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Donnerstag, August 09, 2007

Emily Wu: Feder im Sturm. Meine Kindheit in China


Titel: Feder im Sturm. Meine Kindheit in China
Autor: Emily Wu (mit Larry Engelmann)
Übersetzer: Gerlinde Schermer-Rauwolf
Gebundene Ausgabe
Verlag: Hoffmann und Campe (August 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 345550034X
ISBN-13: 978-3455500349
Preis: 19,95 €

Emily Wu ist Jahrgang 1958, sieht aber zeitlos jung aus mit ihrem Pagenkopf und ihrem rundlichen Gesicht. Großgeworden ist sie zur Zeit der Kulturrevolution in China. Hunger war ihr ständiger Begleiter. Mit 14 wird sie vergewaltigt. Ihre Eltern werden zur Umerziehung aufs Land geschickt. Sie selbst bleibt mit ihrer kleinen Schwestern in einem Kinderheim.

Bücher waren zu jener Zeit verpönt. Nur als Toilettenpapier waren sie erlaubt. Und so begann Emily Wu, deren chinesischer Name Yimao - Feder - lautet, auf der Toilette zu lesen. Selten waren die Bücher noch vollständig. Und so entführten die Texte sie nicht nur in andere, tröstlichere Zeiten, sondern beflügelten auch ihre Vorstellungskraft. Denn die fehlenden, bereits herausgerissenen Seiten mussten in der eigenen Phantasie wieder vervollständigt werden. Wie könnte die Geschichte enden, wie beginnen? Vielleicht nicht die schlechteste Übung auf dem Weg zum Schriftsteller.

Lange Zeit war es undenkbar, etwas gegen Mao und seine Kulturrevolution zu schreiben. Nur langsam ändert sich sein Bild im heutigen China. Immer noch sehen die meisten Chinesen in ihm den großen Helden und Erneuerer, auch wenn immer mehr Stimmen laut werden, die von Misswirtschaft, Verfolgung und Brutalitäten unter seiner Regentschaft berichten. Denn diejenigen, die in dieser Zeit groß geworden sind, erheben nun ihre Stimmen. Oft aus dem Ausland, weil es von dort aus sicherer ist. Zu ihnen gehört Emily Wu. Sie verarbeitet ihr Schicksal zu einem Buch, das, zunächst bei Random House in New Yort erschienen, dieser Tage auf deutsch auf den Markt kommt: „Feder im Sturm. Meine Kindheit in China“, veröffentlicht bei Hoffmann und Campe.

Verlagstext:
»Ein ergreifendes Zeitdokument - mitreißend, aufwühlend und spannend bis zur letzten Zeile

Mit Fantasie, Improvisationstalent und großem Glück gelingt es der jungen Emily Wu, in den Wirren von Maos großer Kulturrevolution zu überleben. Eine berührende Geschichte von Mut, Leidenschaft und der Liebe zum Leben.

Als Tochter eines Amerikanistik-Professors im China der Kulturrevolution muss die junge Emily Wu Unvorstellbares erleben - die ganze Familie ist Demütigungen und Schikanen ausgesetzt, die Welt um sie herum versinkt im Chaos. Und trotzdem: Mit äußerster Standhaftigkeit, Würde und Erfin-dungsreichtum gelingt es dem Mädchen auf wundersame Weise, sich dem Schicksal entgegenzustellen. Mal vertreibt sie sich und anderen Kindern die Nöte mit Märchen und Geschichten, die sie von ihrem Vater hörte, mal führt ihr einnehmendes Wesen zu einer plötzlichen Wendung der Ereignisse. Am Ende geht sie als gereifte Frau aus dem dramatischen Geschehen hervor - und einer ersten Liebe entgegen.

„Ich hoffe, dass meine Biografie Mahnung und Erinnerung an all die Kinder ist, die im Chaos untergingen.“ Emily Wu«


In der 3sat-Kulturzeit führte Dieter Moor ein Interview mit ihr, das über folgenden Link abrufbar ist:
http://www.3sat.de/webtv/

Eine Leseprobe finden Sie direkt beim Verlag:
http://media.hoffmann-und-campe.de/media/

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Dienstag, Juni 26, 2007

John Cheever: Die Geschichte der Wapshots


Titel: Die Geschichte der Wapshots
Autor: John Cheever
Übersetzung: Thomas Gunkel
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Dumont Literatur und Kunst Verlag; Auflage: 1 (2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3832180079
ISBN-13: 978-3832180072
Preis: 19,90 €

Die „Wapshots“ sind eine ganz normale Familie aus dem fiktiven Städtchen St. Botolphs irgendwo an der amerikanischen Ostküste. Seziert werden die Familienmitglieder von John Cheever, und dies in einer Weise, dass zum Beispiel John Updike ihn neben Faulkner stellt und Jonathan Franzen und T.C. Boyle ihn als ihren großen Lehrmeister bezeichnen. Zweifellos gehört Cheever mit diesem Roman „Die Geschichte der Wapshots“ zu den Klassikern der amerikanischen Literatur. Nun wurde das Buch neu übersetzt. Und das Feuilleton freut sich.

Klappentext:
«Im Mittelpunkt des Geschehens: Vater Leander, Kapitän eines kleinen Vergnügungsdampfers, mit schriftstellerischen Neigungen und nie um eine Lebensweisheit verlegen, Mutter Sara mit ihren Anfällen von damenhafter Tüchtigkeit und die beiden Söhne Beverly und Moses, die mehr schlecht als recht die amerikanischen Abenteuer des Erfolgs und Versagens zu bestehen haben. Alles in allem eine Familie, die mit standesgemäßen Scheuklappen über ihren drohenden Verfall hinwegsieht. „Die Geschichte der Wapshots“ ist das Gegenstück einer erhabenen Familienchronik. Für diesen 1957 im Original veröffentlichten Roman wurde John Cheever mit dem National Book Award ausgezeichnet.»

Rezensionen finden Sie unter: Perlentaucher.de, Süddeutsche Zeitung, taz, Welt, inforadio, ORF, ZDF (auch als Video), goon-magazine.de, jungle-world.com

Die Besprechung von Elke Heidenreich in der Lesen!-Sendung vom 26.06.07 als Video ansehen.

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Montag, Juni 25, 2007

Felicitas Mayall: Wolfstod


Titel: Wolfstod
Autorin: Felicitas Mayall
Gebundene Ausgabe: 397 Seiten
Verlag: Kindler (März 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3463405105
ISBN-13: 978-3463405100

Nachdem ich in den letzten Wochen diverse Frankreich-Romane verschlungen habe, gönnte ich mir nun einen literarischen Trip in die Toskana. Für meinen Zweck war Felicitas Mayalls Roman „Wolfstod“ genau das Richtige. Das Setting wird ausführlich beschrieben, nicht frei von Klischees - aber ist nicht die ganze Toskana ein einzig großes Aussteigerklischee? Lasst die Grillen zirpen, den Lavendel blühen und das Olivenöl tropfen, erst dann stellt sich die wirkliche Urlaubsstimmung ein.
Seit Mankell ist es üblich geworden, dass sich Kommissare um ihre alten Väter kümmern. In diesem Fall sind sowohl die deutsche Kommissarin Laura Gottberg von der Münchner Polizei als auch ihr italienisches Pendant Commissario Guerrini mit einem solchen Vater gesegnet. Als Gottberg zwecks Amtshilfe nach Italien beordert wird, um den Mord an einem deutschen Schriftsteller zu klären, nimmt sie kurzerhand diesen Vater mit. Gegenüber Mankell entwickeln die alten Herren der beiden Polizisten ein stärkeres Eigenleben. Und letztlich lösen die beiden Rentner den Fall en passant, während ihre Kinder eher mit sich selbst beschäftigt sind.
Als Krimi taugt der Roman nur bedingt. Zu deutlich wird, dass Felicitas Mayall eigentlich Barbara Veit heißt, und unter diesem Namen zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht hat. Einigen Plotpunkte wie dem verschwundenen Laptop des Schriftstellers ist dies deutlich anzumerken. Auch die Sprache ist sehr einfach bis flapsig im Ton. Und eine saubere Struktur fehlt dem Roman völlig. Nebenfäden verschwinden im Nichts, Nebenhandlungen drängen sich in den Vordergrund und Lösungen tauchen ex machina auf. Ich mag Autoren, die einfach drauflos schreiben, ohne vorher jedes Kapitel festzulegen. Aber Frau Veit hätte sich die Mühe einer zweiten, strukturierenden Bearbeitungsstufe machen können. Oder einen Lektor benötigt, der vom Literaturbetrieb nicht völlig aufgefressen wurde.
Angenehm hingegen die pittoresken Beschreibungen und der oft amüsante Blick auf die Protagonisten und ihre Marotten. Hier kommt Veits/Mayalls Stärke zum Tragen, und hier macht der Roman Lesespaß. Wer sich also nur ein wenig gedanklich in die Toskana verkrümeln will, liegt mit „Wolfstod“ absolut richtig. Als Buch zum Wegträumen ist es empfehlenswert.

Verlagstext:
«Der Schriftsteller Wolf Altlander wird in seiner Villa südlich von Siena tot aufgefunden, in seinem Sessel sitzend. Für Commissario Angelo Guerrini deutet alles auf Selbstmord hin. Doch als sich die Vermutung erhärtet, Altlander habe mit seinem neuen, kurz vor der Veröffentlichung stehenden Buch die Todfeindschaft einer «angesehenen Person» auf sich gezogen, gerät der Commissario ins Grübeln.
Und auf einmal steht die Option Mord im Raum. Willkommene Gelegenheit für Guerrini, ermittlerischen Beistand aus Deutschland anzufordern. Nicht irgendwelchen, sondern den von Laura Gottberg, Kommissarin aus München und Hin-und-wieder-Geliebte des Kommissars aus Siena.
Erste Verdächtige werden verhört: Altlanders Lebensgefährte Enzo Leone, und die Nachbarin und enge Vertraute des Toten, Elsa Michelangeli. Ein Mann in einem schwarzen Geländewagen legt es offenbar darauf an, alle aus dem Weg zu räumen, die mit Altlanders Tod näher befasst sind. Zeugen sind sich sicher, bei den Mordanschlägen auf Elsa, Enzo und die beiden Kommissare einen Chinesen beobachtet zu haben.
Die Spur führt zu Guerinis altem Schulkameraden Montelli. Doch was sollte der misanthropische Altlander ausgerechnet mit Montelli, dem Eigentümer der größten Textilfabrik Italiens, zu schaffen haben? Langsam, Stück für Stück, beginnt sich das Puzzle zusammenzusetzen ?»

Rezensionen finden Sie beim: Domradio (Audio), NDR (Audio), Dooyoo (mit kleiner Leseprobe), Unterhaltung-Themenguide.de

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Dienstag, März 13, 2007

Barbara Gowdy: Hilflos


Titel: Hilflos / Gowdy, Barbara
Autorin: Barbara Gowdy
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Kunstmann; Auflage: 1 (März 2007)
Originaltitel: Helpless
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3888974623
ISBN-13: 978-3888974625
Preis: 19,90 Euro

Leseprobe bei Weltbild.de


»Die neunjährige Rachel ist ein auffallend schönes und aufgewecktes Mädchen, das alle Blicke auf sich zieht. Blicke, die ihre Mutter Celia beunruhigen. Rachel weiß das und verheimlicht, dass da ein Mann in einem weißen Lieferwagen vor ihrem Haus parkt, derselbe, den sie schon vor ihrer Schule bemerkt hat. Was ist das für ein Mann, der einen Reparaturdienst für Haushaltsgeräte hat, alte Staubsauger sammelt und vom Auto aus kleine Mädchen beobachtet? Der einsam und sensibel ist und plötzlich von einer so heftigen Liebe zu einem Kind ergriffen wird, dass er es für sich haben will? Ein Monster?
Von der Liebe erzählt Barbara Gowdy in ihrem neuen Roman und von der Hilflosigkeit, Schutz zu bieten in einer Welt, in der die Sicherheiten verloren gegangen sind. Die mit großer Spannung und Empathie erzählte Geschichte einer Entführung, literarisch so gekonnt, dass die Koinzidenz mit dem wirklichen Leben wie eine gespenstische Nacherfindung erscheint. «
(Verlagstext)

Seit Tagen schon beobachtet Ron von seinem Lieferwagen aus die neunjährige Rachel. In seinem Haus hat er bereits ein Kinderzimmer für sie vorbereitet, mit Puppenstube, Flokati und Fernseher. Er wartet nur auf die passende Gelegenheit. Als es dann zu einem lokalen Stromausfall kommt, wittert Ron seine Chance. Der Alptraum aller Eltern beginnt: Rachel wird entführt.

Allerdings ist Ron kein krimi-üblicher Psychopath. Zwar liebt er die kleine Rachel abgöttisch, hadert aber mit seinem Wunsch, sich ihr auch körperlich zu nähern. Dem kleinen Mädchen erzählt er, er würde sie vor Fängern verstecken, die sie nach Afrika schicken wollen. Das Mädchen ist skeptisch, arrangiert sich aber mit dieser Information ? zumal es ihr bei Ron gut geht und sie tun darf, was sie will.

Rons Freundin Nancy hätte gern ein eigenes Kind. Weil dies nicht möglich ist, nimmt sie sich der kleinen Rachel an. Und je klarer ihr wird, dass Rons Gefühle dem Mädchen gegenüber nicht nur väterlicher Natur sind, desto deutlicher stellt sie sich zwischen ihn und Rachel.

Inzwischen beginnt die Polizei auf Hochtouren, nach Rachel zu suchen. Akribisch beschreibt Barbara Gowdy die Abläufe, die sie selbst ausführlich recherchiert hat. Und sie zeigt das Dilemma, in dem sich Rachels allein erziehende Mutter Celia befindet: neben die Selbstzweifel kommen die Fragen, die ihr die Umgebung stellt. Warum war Rachel zu der späten Stunde überhaupt allein draußen? Wo war die Mutter? Hätte sie das Verschwinden verhindern können?

Die Spannung, die der Roman aufbaut, ist subtil, nicht bis ins letzte ausgereizt. Zum einen, weil Ron eben nicht der blutrünstige Psychopath ist, der nur darauf wartet, sein Opfer zu zerstückeln. Er kämpft seinen moralischen Kampf mit seinen eigenen Sehnsüchten, und wir als Leser bleiben bis zum Schluss gespannt, ob er seinem Verlangen Herr bleiben kann oder nicht.

Damit bricht Gowdy mit den Lesegewohnheiten der vergangenen Krimijahre, in denen der voyeuristisch orientierte Leser in den Gräueltaten der Bösewichte weiden konnte. Einige Rezensenten der Printmedien (online sind derzeit kaum Kritiken verfügbar) werfen dies dem Roman vor. Er hätte durch den unentschlossenen Hauptcharakter sein Potential verschenkt. Andererseits eröffnet der Stil Gowdys allerdings einer neuen Leserschicht den Zugang: denen nämlich, die mit dem Hardcore-Gemetzel ohnehin nichts anfangen können. So wird der Roman auch von Rezensentinnen hofiert, die sich als bekennende Krimigegnerinnen bezeichnen. So etwa Elke Heidenreich in der März-Ausgabe von Lesen! im ZDF.

Schon früher hat sich Barbara Gowdy mit Nekrophilie und anderen seltsamen Neigungen beschäftigt, jedoch immer mit einem empathischen Blick auf die Personen. Monster und Psychopathen interessieren sie nicht. Dementsprechend ist auch Ron trotz seiner Leidenschaft für Rachel kein Stereotyp des Bösen. Bücher über Psychopathen gab es in der Vergangenheit genug, ihr Seelenleben ist hinreichend ausgeleuchtet, sagt sie in einem Interview. Fiktion sei für sie nur dann interessant, wenn die Handelnden in einem ethischen Konflikt stehen.

Warum ruft Schönheit überhaupt so oft den Wunsch hervor, sie zu zerstören? Nie zuvor in der Geschichte wurden kleine Mädchen so stark sexualisiert wie heute und nie wurde ihre sexuelle Anziehungskraft derart verteufelt, meint Gowdy in oben zitiertem Interview. Sie habe das Buch geschrieben, um zu begreifen, was im Kopf eines Menschen passiert, der ein derartiges Verlangen verspürt. Die einzige Art, dies zu können, sei die Fiktionalisierung.

Als Leser gehen wir automatisch mit. Dies ist die Stärke Gowdys. ?Hoffnungslos? gilt als ihr bis jetzt bester Roman.

Rezensionen finden Sie bei: ZDF (auch als Video) [Das ZDF scheint dabei zu sein, seine Website zu überarbeiten. Links, die gestern noch funktionierten, sind oft schon am nächsten Tag nicht mehr aktiv. Da hilft dann nur suchen über die ZDF-eigene Suche. Die Seite enthält im Augenblick nicht mehr als den Pressetext, obwohl normalerweise Heidenreichs Kommentar zu Buch dort abgedruckt wird.],
Literaturkurier

Auch bei diesem neu auf den deutschen Markt gekommenen Buch sind Rezensionen bisher fast nur für die englischsprachige Ausgabe "Helpless" zu finden: Canada.com, Now! Magazin, Toronto, Straight.com, Vancouver

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Montag, März 12, 2007

John O'Hara: Begegnung in Samarra


Titel: Begegnung in Samarra
Autor: John O'Hara
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Beck; Auflage: 2(Februar 2007)
Originaltitel: Appointment in Samarra
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3406557511
ISBN-13: 978-3406557514
Preis: 19,90 Euro


Leseprobe beim Verlag ansehen


"Wenn Sie das Buch eines Autors lesen wollen, der wirklich weiß, worüber er schreibt und das auch noch großartig kann, dann lesen Sie »Begegnung in Samarra« von John O'Hara." Ernest Hemingway

»Im Dezember 1930, kurz vor Weihnachten, ist das gesellschaftliche Leben von Gibbsville, Pennsylvania, hochaufgeladen: Partys und Tanzfeste in den exklusiven Clubs der Stadt, in denen bis in die Nacht hinein Bands spielen und der Alkohol fließt, trotz der Prohibition und mit Hilfe der Mafia. Im Mittelpunkt der gehobenen Gesellschaft stehen Julian und Caroline English - von Freunden und Fremden gleichermaßen beneidet. Denn Julian und Caroline sind erfolgreich, jung und schön, English kann sich als Autohändler trotz der Wirtschaftskrise immer noch ganz gut halten.
Doch etwas in ihm wehrt sich gegen den sozialen Druck der guten Gesellschaft, gegen Dünkel und die Rituale der Angepaßtheit, und in einem Augenblick des Überdrusses schüttet Julian English ausgerechnet Harry Reilly, einem reichen und begüterten Mitglied der örtlichen High Society, bei einer Party einen Drink ins Gesicht. Das ist umso folgenreicher, als Reilly ein wichtiger Investor seines Autohauses ist. So banal dieser Ausbruch gewesen sein mag, es gelingt Julian English nicht mehr, die Folgen in den Griff zu bekommen.
Mit "Begegnung in Samarra", seinem ersten Roman von 1934, gelang John O'Hara der literarische Durchbruch und zusammen mit "Butterfield 8" ist dieses Buch sein wichtigstes geblieben, ein Klassiker der modernen amerikanischen Literatur, ein Roman, der nun in einer neuen Übersetzung wieder auf Deutsch zugänglich ist. Die Zeitschrift "Time" zählt "Begegnung in Samarra" zu den 100 bedeutendsten Romanen der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Mit seinem präzisen und zugleich unerschrockenen Stil, dem subtilen Einblick in die gesellschaftliche Maschinerie, seinem Porträt einer Kleinstadt und ihrer Intrigen, den feinfühlig gezeichneten Figuren - besonders eindrucksvoll die weiblichen - ist John O'Hara ein unvergeßlicher Roman gelungen.«
(Verlagstext)

Rezensionen finden Sie bei: ZDF (auch als Video), Berliner Literaturkritik, Titel-Magazin

Da gerade erst neu auf deutsch erschienen, finden sich im Netz fast nur englischsprachige Rezensionen: BookRags, New York Times, Quadrant, Wikipedia, Blog: Knife in right hand,

Eine Verfilmung ist in Planung. Sie soll 2008 in die Kinos kommen. movies.aol.com hat erste Infos.

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Freitag, März 09, 2007

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt


Titel: Die Vermessung der Welt / Daniel Kehlmann
Autor: Kehlmann, Daniel
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Rowohlt, Reinbek; Auflage: 9., Aufl. (September 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498035282
ISBN-13: 978-3498035280
Preis: 19,90 Euro

Leseprobe beim Verlag ansehen (pdf-file)


»Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, kostet Gifte, zählt Kopfläuse, kriecht in Erdlöcher, besteigt Vulkane und begegnet Seeungeheuern und Menschenfressern. Der andere, der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren - er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt. Alt, berühmt und ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin.«
(Verlagstext)

Ich weiß, der Titel ist schon seit Urzeiten im Handel; alles andere als originell. Was ich nicht wusste: Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" steht auf Platz 1 der Jahresbestsellerliste 2006 - im Januar 2007 war das Buch 66 Wochen ununterbrochen auf der Bestsellerliste, und heute, März 07, ist er gerade mal auf Platz 2 abgerutscht. Es lohnt sich also, einmal einen Blick auf das Buch zu werfen, falls ihr es nicht ohnehin schon getan habt.

Allerdings ist der etwas klamaukhafte Humor des Romans nicht jedermanns Sache. Ich fand die Idee eines ironischen Romans über zwei deutsche Geistesgrößen zunächst ganz ansprechend, gab aber bald auf. Zu brachial, zu unglaubwürdig und auf Pointe getrimmt kommt die Handlung vom ersten Augenblick an daher. Das ist keine Ironie, sondern bestenfalls Slapstick. Da wird bereits auf den ersten Seiten geschlagen und zertrümmert, werden Leute diffamiert und Lieblingsbücher anderer aus einer fahrenden Kutsche geworfen. Humor mit dem Holzhammer.

Auch das Deutsch des Autoren fand ich mehr als flickfähig: "Während die alten Pferde ab- und neue angeschirrt wurden", erfährt man auf Seite 9, "aßen sie Kartoffelsuppe in einer Gastwirtschaft". Ich habe grundsätzlich nichts gegen Pferde, die in Gastwirtschaften Kartoffelsuppe essen. Aber gegen schlecht konstuierte Sätze weiß ich einiges einzuwenden.

Ob nun die permanente indirekte Rede den Lesefluss erhöht oder lediglich die Begeisterungsstürme einiger Kritiker entfachte, die so etwas lange nicht mehr in Vollendung gelesen haben, sei dahingestellt. Sie passt zum Erzählduktus, ist aber gewöhnungsbedürftig. Zuweilen wirkt sie seltsam gerafft; grammatisch korrekt, jedoch dahingehuscht: "Er zuckte zurück, als Humboldt ihn an die Schulter faßte und rief, welche Ehre es sei, was für ein großer Moment für Deutschland, die Wissenschaft, ihn selbst." Selbst ohne den Subjektwechsel in der Satzmitte klingt der Satz nach Rohfassung. Als Lektor wäre ich eingeschritten.

Es bleibt die Frage, warum dieses Buch zum meistverkauften Roman 2006 hat werden können. Ist es derselbe Grund, aus dem derzeit auf allen Fernsehsendern Comedy-Formate aus dem Boden gestampft werden? Vielleicht sind wir desensibilisiert für feine Pointen und Zwischentöne. Vielleicht brauchen wir Brachialhumor und halten alles für Grammatik, was irgendwie den Weg in ein Buch findet. Ich bleibe skeptisch. Aber irgendwie scheint Kehlmann damit einen Nerv getroffen zu haben. Gönnen wir ihm den Erfolg.

Rezensionen findet ihr bei: , FAZ, RP-online, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, taz, Welt,
arte, 3sat (mit Video-Stream), NDR, Radio Bremen (4 RealAudio-Files,
Berliner Literaturkritik, Fragmentum, Literaturhaus.at, Literaturnetz, Medienrauschen, Poetenladen, Rezension.net, Titel-Magazin, Textem, Wortgestöber,
Buchblog,
Lyrikwelt, Perlentaucher

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Donnerstag, März 08, 2007

Andrea M. Schenkel: Tannoed


Titel: Tannöd
Autorin: Andrea M. Schenkel
Broschiert: 125 Seiten
Verlag: Edition Nautilus; Auflage: 1 (Februar 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3894014792
ISBN-13: 978-3894014797
Preis: 12,90 Euro

Leseprobe bei Verlag ansehen
Hörprobe bei Hoeren-undLesen.de


»Sie nennen ihn nur noch den Mordhof, den einsam gelegenen Hof der Danners in Tannöd. Eine ganze Familie wurde in einer Nacht ausgelöscht, mit der Spitzhacke erschlagen. Gemocht hat sie kaum jemand, mürrische, geizige Leute waren sie und den ein oder anderen hat der alte Bauer wohl auch übers Ohr gehauen. Aber selbst die Kinder wurden grausam ermordet, und so geht die Angst um im Dorf, denn vom Mörder fehlt jede Spur.
Diese Spur muss der Leser aufnehmen.
Unheimlich wird es, weil man jeden Schritt des Mörders mit verfolgt, ihn beobachtet bei seinen alltäglichen Verrichtungen, ohne seine Identität zu kennen. Die spannende Unruhe, die einen bis zum Ende nicht verlässt, löst sich erst auf, wenn das Mosaik komplett ist.
Die Autorin legt mit ihrem Debüt nicht nur einen dramatischen, literarisch reizvollen Kriminalroman vor. Sie zeichnet schonungslos und eindrücklich das Porträt einer bigotten und ganz und gar nicht idyllischen dörflichen Gemeinschaft mit einem traumatischen Beziehungsgeflecht, das schließlich zum Mord führt.
Dem Buch liegt ein ungeklärter Mordfall an einer Bauernfamilie zugrunde.«
(Verlagstext)

Rezensionen finden Sie unter: Hamburger Abendblatt, Freitag, , arte, BR-online HR online, Deutschlandfunk, Deutsche Welle, 3sat, WDR (pdf-file!), ZDF (auch als Video), Hinternet: Watching the detectives, Hören-und-Lesen, Kaliber 38, Lesekost, Literaturkritik, Netzine, Poetenladen, Textem, ToGos Kriminalkolumne, Cake-Pie, Crimetime

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Mittwoch, März 07, 2007

Peter Handke: Kali


Titel: Kali : eine Vorwintergeschichte / Peter Handke
Verfasser: Handke, Peter
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Frankfurt am Main : Suhrkamp
Erscheinungsjahr: 2007
Umfang/Format: 160 S. ; 20 cm
ISBN: 978-3-518-41877-2
3-518-41877-7
Bestellnummer: 41877
Einband/Preis: kart. : EUR 16.80
Schlagwörter: Salzbergwerk ; Enklave ; Multikulturelle Gesellschaft ; Zwischenmenschliche Beziehung ; Belletristische Darstellung
Kind ; Verschwinden ; Sängerin ; Suche ; Identitätsfindung ; Belletristische Darstellung


Die Story ist schnell erzählt. Eine Sängerin will nach ihrem letzten Konzert vor dem Winter ein wenig Ruhe finden. Zu diesem Zweck fährt sie zunächst zu ihrer Mutter, und, als diese sich wenig begeistert von dem Besuch zeigt, weiter "in eine Gegend hinter der Kindheit". Sie kommt in eine Kolonie der Heimatlosen, der Aussiedler und verliebt sich dort - schüchtern zunächst - in den Salzherrn, den Besitzer des örtlichen Salzbergwerks. Dann ist da noch ein Kind, Andrea, das verschwindet. Und unsere Sängerin findet das Kind, schon über und über mit Schnee bedeckt, und bringt es zurück in die Gemeinschaft.

Ein dünnes Bändchen ist "Kali", in zwei, drei Stunden am Nachmittag gut zu lesen, und auch immer wieder zu lesen. Denn so dünn, so folgerichtig logisch die Geschichte gebaut ist, so poetisch, so metaphorisch ist der Ton, der zu immer neuen Assoziationen anregt. Und je geübter der Leser im Entdecken von Konnotationen, desto mehr wird sein Geist beim Lesen durch die Literaturgeschichte, durch Mythen und Märchen, vielleicht sogar durch die Kunstgeschichte wandern. Irgendein Rezensent hat das Buch folgerichtig als eine Art Rohrschachtest bezeichnet. Und es ist zumindest fraglich, ob Peter Handke von all den Verweisen, die die Heerschar an Rezenstenten gefunden zu haben glaubt, auch nur einen Bruchteil wirklich als solchen angelegt hat.

Auch gelten für ihn offensichtlich andere Maßstäbe als für andere Autoren. Dass seine Erzählperspektive nie wirklich klar wird; dass er munter in den Erzählzeiten herumspringt; dass der dramatische Faden, der ja immerhin angelegt ist, unter der Erzählstruktur fast verschwindet - all das wird ihm niemand vorwerfen. Und auch dass er unablässig ins Predigen verfällt, sei es durch die Stimme der ortsansässigen Pastorin oder die der Sängerin, sieht man ihm eher nach als den aktuellen Mainstream-Autoren. Denn der von ihm gepflegte Kulturpessimismus ist zwar zuweilen lästig, aber zumindest so frei von jeglichen Kanten, dass niemand ihm ernsthaft widersprechen wird. Und das war von jeher die Kunst in der Literatur: gerade so kritisch zu sein, dass die Mehrheit der potentiellen Leser sich hinter den Autoren stellen kann, um selig zu empfinden: Ja, genau so sehe ich das auch.

Weitere Rezensionen finden Sie unter: FAZ, Frankfurter Rundschau, Kleine Zeitung, NZZ, Der Standard, Stuttgarter Nachrichten, taz, Wiener Zeitung, Die Zeit, DLF (auch als Audio-File), MDR (Audio File) Students.ch, Titel-Magazin, Perlentaucher

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Sonntag, März 04, 2007

Stephan Valentin: Weisse Eichen


Titel: Weiße Eichen / Stephan Valentin
Verfasser: Valentin, Stephan
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger: Nußloch : Pfefferkorn-Verlag
Erscheinungsjahr: 2007
Umfang/Format: 141 S. ; 205 mm x 115 mm
ISBN: 978-3-9807298-5-7
3-9807298-5-0
Einband/Preis: Ln. : EUR 14.90
Sachgruppe: Deutsche Literatur ; Belletristik


Ich ertappe mich, beim Lesen einen alten Charles-Aznavour-Titel zu summen. Nach einem Moment der Irritation erinnere ich mich an den Liedtext, und verstehe, warum er sich so penetrant in mein Bewusstsein drängt: »Tous les visages de l'amour«. Obwohl Stephan Valentin das Wort „Liebe“ nicht in den Mund nimmt, geht es in seinem neuen Roman »Weiße Eichen« um nichts anderes als diese unterschiedlichen Gesichter der Liebe.

Da ist Philipé, der seine Zeit im Knast nur durch die liebevollen Briefe seiner Freundin Ninas überstanden hat und der, kaum wieder draußen, merken muss, dass all seine Bezugspersonen, Nina voran, von ihm nichts mehr wissen wollen. Da ist Gerda, die mit ihrem dementen Mann in einer viel zu großen Villa lebt, die ihren Mann konsequent siezt und dabei fast zärtlich um ihn besorgt ist. Da ist Jacqueline, der Transvestit, gerade von einem Lover verlassen, einsam, resigniert. Das ist alles Liebe. Die Sehnsucht nach einem kleinen bisschen Liebe. Erst am Ende des Romans, bei den weißen Eichen, die aussehen wie dürre Gespenster, laufen einige der Erzählfäden zusammen.

15 Personen tauchen auf der Liste auf, die ich mir aus lauter Verzweiflung irgendwann angefertigt habe. Die meisten dieser Personen werden in dem 130-Seiten-Roman irgendwann zu Protagonisten, und erst allmählich – mit Hilfe der Liste, die aufgrund ihrer zahlreichen Querverweise immer mehr wie ein Mind-Mapping aussah – wurden die Verbindungen zwischen diesen Personen deutlich. Ohne die Liste wäre ich zeitweise aufgeschmissen gewesen. 15 Personen auf engem Raum mag beim Film funktionieren, wo Gesichter und Settings das Wiedererkennen erleichtern. Im Kurzroman, wo sie zunächst wenig mehr als isolierte Namen sind, die erst mit der Zeit an Kontur gewinnen, ist es eine ganze Menge.

Zugegeben: ich habe falsch angefangen zu lesen. Völlig unvorbelastet von Rezensionen nahm ich das Büchlein in die Hand und gab nach den ersten 20 Seiten auf. Die meist nur zwei bis drei Seiten langen Kurzkapitel sind mit den Namen der Protagonisten überschrieben, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Sie kommen als Miniaturen daher, als kurze Szenen aus dem Leben einzelner Menschen, als Momentaufnahmen. Sicher, sie sind gut geschrieben, voller sinnlicher Details, in kurzen, knappen Sätzen. Aber eben nicht mehr als schriftstellerische Etüden, weit entfernt von einer Verdichtung, wie sie etwa Hemingway als Zwischensequenzen von „In unserer Zeit“ erreichte. Kein Grund, mich dem weiter auszusetzen.

Mehr aus professionellem Ehrgeiz startete ich dann an einem Sonntagnachmittag einen zweiten Anlauf. Diesmal mit Papier und Stift bewaffnet, mit einer Kanne Earl Grey neben mir, las ich das Buch in einem Zug. Und ich denke, dies ist die einzig sinnvolle Art, dieses Buch zu lesen. Die zahlreichen puzzleartigen Querverweise zwischen den Kapiteln funktionieren nur, wenn sie zeitlich nah konsumiert werden. Dann erst wird aus dem verliebten Pärchen im Park Ludwig und Theresa, aus dem alten Mann, der etwas verloren am Straßenrand steht, Johann. Als dies zu entdecken, macht Spaß. Es zeugt von der Fähigkeit des Autors, ein kleines Universum zu schaffen. Aber es ist viel für einen Nachmittag. Ich rate dringend zum Anlegen einer Liste.

Der Autor Stephan Valentin, oder vielleicht auch nur der Verlag, bezeichnen das Werk als „Shortcut-Roman“, in Anlehnung an Robert Altmans gleichnamigen Film: »Shortcuts, kurze Momentaufnahmen, Standbilder, Überblendungen und Retrospektiven… Aus diesen kleinen Sequenzen und Episoden entsteht so ein Roman, in dem alle Figuren gleichberechtigt sind und durch ihr schlichtes Mensch-Sein bezwingen.« Ob er damit ein neues Genre in der Literatur etablieren kann, bleibt fraglich. Der Versuch erinnert mich an Sartres Romantetralogie „Die Wege der Freiheit“, in der der Autor die Technik der filmischen Überblendung konsequent zur Überleitung der einzelnen Sequenzen benutzt. Sicher originell, aber so anspruchsvoll in der Konstruktion, dass der Verlag bei späteren Auflagen dazu über ging, die einzelnen Episoden durch deutliche Absätze voneinander zu trennen, um das Lesen ein wenig zu erleichtern. Bei Stephan Valentin nun liegt der Verdacht nahe, er habe beim Konstruieren von „Weiße Eichen“ bereits das Drehbuch im Kopf oder in der Hinterhand. Oder er schiele auf eine Verfilmung.

Das ist so abwegig nicht. Zum einen wird sein Erstling „Der Ameisenfeind“ derzeit verfilmt – und das ist für Autoren immer eine veritable Einnahmequelle. Zum anderen schreibt Valentin selbst regelmäßig Drehbücher für die ZDF-Serie "SOKO 5113". Er kennt sich also im Plotten von Filmen bestens aus. Aber Romane funktionieren eben nur zum Teil mit den Erzählstrukturen von Filmen. Oder anders herum: dieser Roman funktioniert eben nur dann, wenn er wirklich wie ein Film in einem Rutsch gelesen – und die Dichte nicht durch Lesepausen unterbrochen wird. Zu minimalistisch sind die Anspielungen und Querverweise, als dass sie über längere Strecken im Gedächtnis blieben.

Das andere Problem des Romans ist seine Beliebigkeit. Die Figuren und ihre Probleme haben die Größe von Daily-Soap-Episoden. Zwar kreisen sie alle wie in Richard Curtis’ Episodenfilm „Tatsächlich… Liebe“ um das Thema Liebe, sind aber so alltäglich, dass sie beim Lesen keine nachhaltige Wirkung entfalten. Die Protagonisten sind frei von dramatischen Zielen, und so erübrigt sich jede Chance des Mitgehens oder gar Mitfieberns. Ich beobachte sie einen Moment lang beim Leben, weniger mit dem Sog der Altman-Shortcuts denn der gepflegten Beliebigkeit eines „Big-Brother“-Zusammenschnitts. Es bleibt der Charme eines Sonntagnachmittag-Puzzles. Am Ende ist auch das letzte Teil an der richtigen Stelle platziert. Ich schaue mir das Ergebnis noch einmal an, befriedigt, es zusammengesetzt zu haben, und lege es zurück in den Karton. Um es für immer zu vergessen.

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Freitag, November 24, 2006

Detlef B. Blettenberg: Land der guten Hoffnung


Pendragon, geb., 320 Seiten, 19,90 €

»Land der guten Hoffnung« beginnt ohne Schnörkel. Der Berliner Privatdetektiv Helm Tempow erhält den Auftrag, einen ehemaligen Entführer zu suchen, der sich aller Voraussicht in der südafrikanischen Westkap-Provinz aufhält. Da das Westkap groß ist, ist auch die Gage dementsprechend. Ohne viele Fragen zu stellen, macht sich Tempow auf den Weg.

Die Geschichte ist klassisch gradlinig erzählt. Der Privatdetektiv Tempow, der seine Erlebnisse in der ersten Person berichtet, findet erste Kontakte, hangelt sich von Informant zu Informant, bis er schließlich dem Gesuchten gegenübersteht. Ärgerlicherweise sterben die Informanten meist, kurz nachdem sie ihr Wissen haben weitergeben können. Und auch der Gesuchte überlebt seine Entdeckung nicht.

Zu den Klischees, mit denen Blettenberg spielt, gehört die geheimnisvolle Blonde, die immer wieder Tempows Weg kreuzt. Diese wird sich später als das ehemalige Entführungsopfer, die Hamburger Reederstochter Rena Carstens entpuppen, die ein ganz eigenes Interesse daran hat, ihren Entführer wieder zu finden. So heftet sie sich an Tempow, was allerdings für die Recherche selbst kaum Auswirkungen hat.

Zu den interessanteren Plottwists gehört, dass Tempow den Gesuchten bereits nach der Hälfte des Buches findet. Denn damit ist sein Auftrag offiziell erledigt. Inzwischen ist ihm jedoch längst klar geworden, dass die Dinge in Wirklichkeit anders liegen. Der Drahtzieher der Entführung ist mit dem Gesuchten in keiner Weise identisch. Und die schöne Entführte weiß dies natürlich. So deckt Tempow allmählich die politisch motivierten Hintergründe jener Entführung auf.

Blettenberg ist für seine Romane mit Preisen überhäuft worden. Den Deutschen Krimipreis erhielt er gleich drei Mal (1989, 1995, 2004), für seinen Erstlings-Roman »Weint nicht um mich in Quito« gab es 1981 den Edgar-Wallace-Preis. Ich gehe allerdings davon aus, dass »