Ich gebe es zu: meine Neigung, aufs falsche Pferd zu setzen, ist nahezu sprichwörtlich.
Da hatte ich vor einem Jahr beschlossen, meinen Buchladen auf Radsport-Bücher
zu spezialisieren, weil mich dieser Sport von jeher fasziniert hat. Ich entdeckte
Radsport-Romane, Radsport-Krimis, einen eigenen Verlag, der sich auf Radsport-Titel
spezialisierte, - und natürlich jede Menge Biografien. Holte verlagsneue
und antiquarische
Exemplare in meinen Bestand. Und was passiert? Der Radsport gerät in
seine tiefste Krise seit Jahren. Das ZDF überlegt, selbst die Tour de France,
das wichtigste Radrennen der Welt, nicht mehr zu übertragen. Einige reden
bei den großen Rennen gar von "Pharma-Leistungsschau", wie es
die FAZ am 01.08. in ihrem Artikel Fernsehthema
Doping: Öffentlich-rechtlicher Gedächtnisschwund? getan hat.
Natürlich ist der FAZ-Artikel in altbekannter Weise voller nachdenkenswerter
Fakten. So redet alle Welt über den Tour-de-France-Sieger 06, Floyd Landis,
und seinen überhöhten Testosteron-Wert. Ich selbst habe nach der Tour
zunächst alle zugänglichen Artikel zum Thema gelesen. Dass der Wert
aber gleich elffach erhöht war, und somit ein bloßes "Verrechnen"
beim regenerativen Testosteronpflaster mehr als unwahrscheinlich ist, erfuhr
ich erst gestern.
Und dann natürlich der Sturz unseres eh. Nationalhelden Jan Ullrich. An
den Ecstasy-Genuss bei einer Party habe ich nie so recht geglaubt. Wer weiß,
dass Ecstasy die Nutzer vor allem bis zum Umfallen von der eigenen Erschöpfung
ablenkt, wird kaum annehmen, dass Jan solche Drogen bei Feten zu sich nimmt,
aber nicht im Wettkampf oder Training. Das machte einfach vorn und hinten keinen
Sinn. Aber dass diese Ausrede aus der Zusammenarbeit mit Hagen Boßdorf
an dem Buch "Ganz
oder gar nicht" resultierte, war mir neu - erklärt aber einiges.
Boßdorf ist Sportkoordinator der ARD, und die wollte vom Thema Doping
lange Zeit nichts wissen: erst vor wenigen Wochen hat sie den Schwimmreporter
Hajo Seppelt von seiner Spezialdisziplin abgezogen, weil der sich zum Dopingexperten
mauserte. "Nun könne er sich ja um sein Lieblingsthema Doping kümmern",
soll Boßdorf ihm lakonisch mit auf den Weg gegeben habe. Und dann "kam
es auch noch zu einem Prozeß der ARD und ihres Sportkoordinators Hagen
Boßdorf gegen den Dopingexperten Werner Franke. Dieser hatte die ARD der
Mitschuld am Doping durch Verschweigen bezichtigt und kam damit vor Gericht
durch. Eine nicht für die Öffentlichkeit gedachte Email von Seppelt
diente als Beleg." (Zitat aus der FAZ)
Natürlich sind die öffentlichen Medien Illusionsträger. Und das
Konzept von Brot und Spielen funktioniert nur so lange, wie wir, die Zuschauer,
daran glauben, dass im Sport ehrliche Gegner ihre eigenen Kräfte miteinander
messen, statt als chemiegeklonte Laborratten für die Pharmaindustrie zu
agieren. Wen wundert es da, dass die Öffentlich-Rechtlichen kein Interesse
daran haben, ihre eigenen Inszenierungen kritisch zu hinterfragen.
Aber ist damit der ganze Radsport tot? Sicherlich: was derzeit bei den Rennen
zu sehen ist, wirkt teilweise absurd. Wenn bei den Deutschen Straßen-Radmeisterschaften
der Viertliga-Fahrer vom VC Frankfurt 1883, Dirk Müller, locker an allen
Profis vorbeiradelt, bleibt den Kommentatoren kaum etwas anderes, als von "sonderbar"
zu reden. Und wenn Floyd Landis nach einem absoluten Kräfteeinbruch bei
der Tour de France am nächsten Tag mal eben 7 Minuten auf das Feld herausholt,
drängt sich eine Assoziation zum derzeitigen Radsport-Thema Nr. 1 förmlich
auf. Man mag davon reden, dass die Tour dieses Jahr spannender war als in den
letzten Jahren - aber eigentlich fiel vieles von dem, was wir dort sahen, in
die Kategorie Absurdität.
Trotzdem werde ich weiter meine Runden auf dem Rad drehen, mich von Autofahrern
beschimpfen lassen, und abends müde, aber irgendwie glücklich, ins
Bett fallen. Ich werde weiter Radsport gucken, und sei es wegen seiner Mischung
aus Taktik und Landschaft. Ich werde weiter Radsportbücher lesen und sammeln,
weil Doping zwar die Leistung erhöht, die Vita hinter den Radfahrern aber
nach wie vor authentisch ist - wenn eben auch nicht lückenlos berichtet.
Aber welche Biografie wendet sich schon gern den dunklen Seiten zu? Im Profisport
ist Leistungsoptimierung oberstes Ziel. Und solange Sieger prämiert werden,
wird es Leute geben, die versuchen, sich diese Siege zu ertricksen.
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