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Donnerstag, Juli 03, 2008

Lesen! Elke Heidenreich am 04.07.2008


Eigentlich wollte Götz Alsmann nur sein Lieblingsbuch "Der Orientalist" mit in die Kölner Kinderoper bringen. Doch dann schlug er vor, auch über einen der bedeutendsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, Ivan Turgenev, zu sprechen - eine Idee, die Elke Heidenreich ausdrücklich begrüßte.
Ansonsten wieder die übliche Mischung bedeutender und gut lesbarer Bücher und Hörbücher, für die Elke Heidenreich bekannt ist. Der mare-Verlag beispielsweise schrieb uns Buchhändler bereits im Vorfeld an, mit dem Hinweis, nach der Sendung könne es zu Lieferengpässen kommen und man solle doch ordern, solange ihr Titel noch vorrätig sei. Da ist sicher etwas dran: die Bücher, die Elke Heidenreich in Lesen! vorstellt, entwickeln sich in aller Regel zu Bestsellern.
Diesmal dabei:

Franz Kafka: Das Schloß

Gelesen von Ulrich Matthes
10 CDs, Laufzeit 13 Stunden 20 Minuten
Deutsche Grammophon, 2008
ASIN: B00116XWNO


Klaus Wagenbach (Hg.): Franz Kafka - Bilder aus seinem Leben

Gebundene Ausgabe, Leinen, Fadenheftung,
256 Seiten mit ca. 650 Abbildungen, Duotone
Verlag Klaus Wagenbach, 2008.
ISBN 978-3-8031-3625-1

Bilder aus dem Leben Franz Kafkas. Mit einem umfangreichen Textteil: ein Lesebuch mit Bildern. Ein Bilderbuch zum Lesen. Seit 1951 sammelt Klaus Wagenbach fotografische Dokumente über Franz Kafka; in fünf Jahrzehnten entstand ein einzigartiges Archiv mit hunderten von Aufnahmen.
Dieses Archiv ist Grundlage des vorliegenden Bandes, der alle wichtigen Bilder zum Leben Kafkas enthält.
Die begleitenden Texte von Klaus Wagenbach fassen in Einführungen zu den einzelnen Kapiteln die jeweilige Lebenssituation zusammen. Besonders wichtige Dokumente oder Fotografien werden erläutert und mit Zitaten ergänzt.
Sämtliche wichtigen Personen, Orte und Landschaften in Kafkas Leben treten auf, die Arbeits- und Schreibstätten werden vorgestellt.

Tom Reiss: Der Orientalist

Auf den Spuren von Essad Bey
Aus dem Amerikanischen von Jutta Bretthauer
Gebundene Ausgabe, 506 Seiten mit 26 Abbildungen
Osburg Verlag, 2008
ISBN: 978-3-940731-05-0

»Vater: Ölmillionär. Mutter: radikale Revolutionärin. So begann mein Dasein.«
Und es sollte ein Leben voller Spannungen und unerwarteter Wendungen werden, das den jungen Juden Lev Nussimbaum, 1905 in Baku geboren, in den Jahren der russischen Revolution über Zentralasien, Persien und die Türkei schließlich bis ins Berlin der Wilden Zwanziger Jahre führte. Dort machte er sich, inzwischen zum Islam konvertiert, als Essad Bey (alias Kurban Said) einen Namen als international anerkannter Autor, unter anderem des noch heute verlegten Bestsellers Ali und Nino. Nach einem Intermezzo in New York zog er nach Wien, floh vor den Nazis nach Italien und starb 1942 in Positano.
Tom Reiss zeichnet das faszinierende Porträt einer schillernden Persönlichkeit und ihrer turbulenten Zeit, deren kurze, doch romanhaft anmutende Lebensgeschichte den Leser in den Bann schlägt und tief bewegt.

Joyce Carol Oates: Du fehlst

Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz
Gebundene Ausgabe, 496 Seiten
S. Fischer Verlag, 2008
ISBN 978-3-10-054014-0

Als Nikki Eaton, Anfang dreißig, unabhängig und eigenwillig, endlich ihr schlechtes Verhältnis zu ihrer Mutter klären will, wird diese Opfer eines Raubüberfalls. Wäre Nikki zehn Minuten eher bei ihrer Mutter eingetroffen, hätte sie deren Tod vielleicht noch verhindern können. Jetzt muss sie sich mit dem plötzlichen Tod ihrer Mutter Gwen auseinandersetzen. Bisher hatte sie diese pflichtschuldig an Feiertagen besucht, immer auf der Hut vor deren Einmischung in ihr Leben. Nun trifft sie der Kummer um Gwens Tod unerwartet und heftig. Engagiert und spannend beschreibt Joyce Carol Oates das Spektrum der Veränderungen und verwirrenden Gefühle in Nikkis Trauerjahr: Lähmung, Wut, Sorge und auch Erkenntnis. Mit Du fehlst hat Oates einen Pageturner geschaffen, ein großartiges Buch.

Margaret Atwood: Moralische Unordnung

Aus dem Englischen von Malte Friedrich
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
Berlin Verlag, 2008
ISBN 978-3827007094

Moralische Unordnung ist der Roman von Margaret Atwoods Leben. All ihren Scharfsinn, ihren erbarmungslosen Humor richtet sie wie Scheinwerfer auf das eigene Leben, und das Ergebnis zählt zum Besten, was wir von dieser großen Erzählerin kennen.
Nur die erste Geschichte bricht aus der Chronologie dieses Lebens aus. Sie zeigt ein älteres Paar, das aus dem Kanada der Gegenwart in der Phantasie der Frau plötzlich in die Spätzeit des Römischen Reiches versetzt wird: Die Barbaren kommen! Dann aber führt das Buch in die Kindheit der Erzählerin Nell, schildert die kluge, lebenstüchtige, aber ein wenig kühle Mutter, den praktischen, robusten Vater, einen Insektenforscher, und die viel jüngere, psychisch labile Schwester. Als Nell das Elternhaus verlässt, verdient sie ihr Geld mit freier Lektoratsarbeit. Sie lernt den Mann ihres Lebens, Tig, kennen, der aber noch mit Oona verheiratet ist und zwei Söhne hat. Vor dieser Ehe läuft Tig nur sehr langsam davon, quälend lang dauert es, bis er sich wirklich trennt. Diese "alte Geschichte" von der Ehefrau und der Geliebten, wie Lillie, eine liebenswerte Immobilienmaklerin, es nennt, ist der Kern des Buches - und Lillie selbst ist ein Kabinettstückchen von Atwoods Porträtkunst.
Aber da sind noch andere solcher Glanzstücke: Tig, der überaus gutwillige, aber gerade deshalb fast unerträgliche Mann, Oona, die Tig und Nell zusammenbringt, dann aber nicht aushält, was sie angerichtet hat, und schließlich die Tiere, Gladys, das trotzige Welsh Pony, und der neurotische Hund Howl. Dies ist ein großartiges Buch, in dem die ganze stilistische Virtuosität, die Leichtigkeit, der Witz und die Ironie Atwoods wie Scheinwerfer auf ihr eigenes Leben gerichtet werden. Ein atemberaubendes Experiment.

Ivan Turgenev: Aufzeichnungen eines Jägers

Aus dem Russischen von Peter Urban
Gebundene Ausgabe, 704 Seiten
Manesse Verlag, 2007
ISBN 978-3-7175-2058-X

Der Titel vermittelt in einer Art verharmlosender Camouflage, es würde in diesem Buch um landläufiges Jägerlatein gehen. Doch die zaristische Zensurbehörde ließ sich durch diese Finte nicht lange hinters Licht führen und verbot die "Aufzeichnungen eines Jägers" noch im Erscheinungsjahr. Die Schilderung menschenunwürdiger Zustände, die aufklärerisch-realistische Figurenzeichnung, vom Leibeigenen bis zum Gutsbesitzer, vom Handwerker bis zum kleinen Beamten, wirkte trotz Verbots als Sprengstoff in der Diskussion um die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland.
Mit der Novellensammlung von 1852 trat Turgenev die Erbschaft der Puschkinschen Erzählkunst an. Die "Aufzeichnungen" begründeten im Nu seinen Ruf als Erzähler von europäischem Format. Die sanfte Ironie, die die Erzählhaltung wie in einem scheinbar absichtslosen Erlebnisbericht prägt, erhöht die Drastik des Geschilderten ungemein wirkungsvoll. Peter Urban, maßgeblicher Kenner und Vermittler russischer Weltliteratur, erschließt in seiner Neuübersetzung den Bedeutungs- und Nuancenreichtum des Werks mit der ihm eigenen Meisterschaft.

William Faulkner: Licht im August

Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel
Gebundene Ausgabe, 480 Seiten
Rowohlt Verlag, 2008
ISBN 978-3-498-02068-2

Mit sinnlicher Leidenschaft entrollt Faulkner in diesem Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts drei Lebenswege in der weiten Landschaft des Mississippi: Lena Grove, eine junge Schwangere auf einer fremden Landstraße, sucht ihren Geliebten. Am Ende hat sich ihr Schicksal in der Begegnung mit einem anderen Mann erfüllt, aber das Chaos sündhafter Verstrickung entlässt sie wieder fast unberührt. Joe Christmas, ein schwarzer Wanderarbeiter, findet hingegen keinen anderen Ausweg aus Unterdrückung und Gewalt, als selbst zum Mörder zu werden. Der Geistliche Gail Hightower durchschaut das Gewebe aus religiösem und rassischem Fanatismus, kann sich aber nicht aus seiner Verklärung der «glorreichen» Südstaatenvergangenheit befreien ...
Faulkners zwingende Modernität, sein multiperspektivischer, psychologischer Stil machen «Licht im August», 1932 geschrieben, bereits 1935 bei Rowohlt veröffentlicht, zu einem der wirkungsmächtigsten Romane des 20. Jahrhunderts hierzulande vor allem nach dem Krieg, als er in einer rororo-Zeitungsausgabe einem breiten Publikum zugänglich wurde. Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens bringt der Rowohlt Verlag Faulkners besten und bekanntesten Roman in einer Neuübersetzung von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel, versehen mit einem Nachwort von Paul Ingendaay, neu heraus.

Andreas Beurmann: Das Buch vom Klavier

Gebundene Ausgabe, 376 Seiten
Georg Olms Verlag, 2007
ISBN 978-3-487-08472-5

"Klavierspielen motiviert, beflügelt, begeistert. Es befreit vonZwängen, öffnet Herz und Sinne für das Schöne und Positive, weckt Freude am Leben." (Hermann Rauhe, Faszination Klavier)
Ganz im Sinne des Mottos möchte dieses Buch in die betörende Welt der Klavierinstrumente einführen, möchte Freude und Entspannung bei der Betrachtung und Erforschung jedes einzelnen vorgestellten Instruments vermitteln. Die zahlreichen, durchgehend vierfarbig abgedruckten Bilder erzählen die Geschichte vom Werden des Klaviers in seiner üppigen Mannigfaltigkeit. Mehr als einhundert Instrumente Tafelklaviere, Hammerflügel, Tangentenflügel, Konzertflügel, zuzüglich einiger nicht besaiteter Tasteninstrumente behandelt Andreas Beurmann in diesem Band mit bewundernswerter Kennerschaft. Zahlreiche Instrumente aus der umfangreichen Sammlung des Autors (heute teils im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg), bilden das Material für die Betrachtungen. Die Beschreibungen sind in chronologischer Folge angeordnet.Sie gliedern sich in die Segmente Signatur, Ausstattung, Aufbau,Mechanik, Klaviatur, Mensuren, Besaitung, Abmessungen. Jedes Instrument ist als Totalansicht und mit zahlreichen Details abgebildet. Keine andere Musikinstrumentenfamilie verfügt über eine so faszinierende Entwicklungsgeschichte wie die Klavier-Instrumente, verfügt über eine derartige Vielfalt von Tonerzeugungs-Mechaniken und Klangvarianten. Kaum ein anderesInstrument hat auch das Musikgeschehen so entscheidend geprägt und mitbestimmt, wie das Tasteninstrument.

Matthias Politycki: In 180 Tagen um die Welt

Gebundene Ausgabe, 152 Seiten
marebuchverlag, 2008
ISBN 978-3-8664-8080-3

«Fonsä, Veit, Wolfi, Zenz! Wenn ich s nicht mit eignen Augen gesehen hätte, ich würde s schier selber nicht glauben.» Wer eine Reise auf dem besten aller Kreuzfahrtschiffe macht, der hat etwas zu erzählen; wer sie als einfacher Finanzbeamter aus dem bayerischen Oberviechtach antritt, den ein Lottogewinn an Bord geführt hat, der kommt aus dem Staunen so schnell nicht mehr heraus: Johann Gottlieb Fichtl, von seiner Tippgemeinschaft mit Motivkrawatten und einem «Aldi-Smoking» aus dem Fundus des Bürgermeisteramtes für seine Reise ausgestattet, macht sich auf, die Welt im Allgemeinen und vom Penthouse-Deck bis hinunter in die Pumpensümpfe die von MS Europa im Besonderen zu erkunden.
In 184 Shortcuts berichtet er vom aberwitzigen Fünfsterneplus-Alltag an Bord und seinen nicht minder (aber-)witzigen Erlebnissen an Land: Die Reisegesellschaft entpuppt sich dabei mehr und mehr als Kuriositätenkabinett, das auf einem schwimmenden Zauberberg unserer Zeit dem Rausch der Intrigen und Gerüchte frönt und dabei grandios an Leben und Tod und all dem existenziellen Ernst vorbeifeiert, dem auch die Europa auf ihrer Fahrt durch die sieben Weltmeere nicht entkommt. Dieser Fichtl aus Oberviechtach aber, der an Bord bald zu «einem Großen, einem ganz Großen» hochgetuschelt wird, findet am Ende der Reise den Ort seiner Bestimmung: Für ihn hat das Abenteuer gerade erst begonnen.
Mit In 180 Tagen um die Welt hat Matthias Politycki den Schelmenroman des beginnenden 21. Jahrhunderts geschrieben: Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl ist eine kühne Tour de farce, auf der Politycki die Idiosynkrasien unserer Gesellschaft mit satirischer Brillanz in ihre Bestandteile zerlegt. Und für den Leser zu einer ganz und gar phantastischen Reise neu zusammensetzt.

Neuerscheinungen rund um Shakespeare Juli 2008


Nicht viel los im Juli. Die Schulen bereiten sich auf die Ferien vor, nicht auf den Dichterfürsten. Und für die Ferienlektüre scheinen die Verlage andere Titel zu favorisieren als Werke rund um Shakespeare. Lediglich Langenscheidt verschiebt den lange bereits angekündigten Erscheinungstermin für seine Romeo & Julia-Nacherzählung auf den Juli:

William Shakespeare: Romeo and Juliet

Nacherzählt von Victoria Heward
Green Apple Drama

Broschiert
Verlag: Langenscheidt (Juli 2008)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 3526521530
ISBN-13: 978-3526521532

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SWR Bestenliste Juli 2008


1. (-) 70 Punkte

PETER RÜHMKORF: Paradiesvogelschiß

Gedichte.

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH
Auflage: 3 (1. April 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3498057824

Mittelschwere Lektüre

Peter Rühmkorf, der «größte lebende deutsche Dichter» (FAZ), präsentiert neue Lichtblicke und Gedankenblitze. Das Alter mag ihn milder gestimmt haben, doch seine Zweifel sind über die Jahre nicht geringer geworden.
"Ballade von den geschenkten Blättern" hat er den Auftakt seines letzten Gedichtbandes genannt, dem Tod und der Krankheit abgerungen. Am 8. Juni ist der große Dichter Peter Rühmkorf verstorben. Jedes Wort konnte ihm zur Dichtung werden, weil schon das erste Wort Dichtung war.

Leseprobe beim Rowohlt-Verlag

2. (-) 56 Punkte

ROBERTO BOLAÑO: Exil im Niemandsland

Fragmente einer Autobiographie. Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt und Heinrich von Berenberg.

Gebundene Ausgabe: 153 Seiten
Verlag: Berenberg;
Auflage: 1 (März 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3937834269

Leichtere Lektüre

Roberto Bolaño, in Chile geboren, in Mexiko aufgewachsen, in Spanien zu literarischem Weltruhm gelangt und früh gestorben, ist so etwas wie der Fliegende Holländer Lateinamerikas: wie wenige hat er das Exil kennengelernt - und sich dazu unsentimentale Gedanken gemacht. Sie bilden den roten Faden dieser Fragmente zur Autobiographie eines Umhergetriebenen. Das Liedchen vom traurigen Latino, der im kalten Exil die warme Heimat besingt (wo Mord und Totschlag herrschen) hat dieser Autor nie mitgesungen. Bolaño ist sein Leben lang durch die Welt gereist, gezwungen, freiwillig, immer aber mit äußerster Intensität. In diesen Artikeln, Reden, Essays, Reisebildern und Glossen kann man nachlesen, wie krumm die Wege waren, auf denen er zum unumstrittenen Herold der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur heranreifte.
Ein Klassiker ist einer, der den Kanon neu ordnet, sagt der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño - und er ist selber schon einer. "Exil im Niemandsland" versammelt Gedanken, Essays, Interviews und den Entwurf seiner letzten Rede aus dem Jahr 2003.

3. (-) 40 Punkte

ANJA JARDINE: Als der Mond vom Himmel fiel

Erzählungen.

Gebundene Ausgabe: 301 Seiten
Verlag: Kein & Aber
Auflage: 1 (April 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3036955186

Leichtere Lektüre
Zwei Fremde begegnen sich morgens auf dem Weg zur Arbeit. Ohne jemals miteinander zu sprechen, gehören sie für die Dauer dieser S-Bahn-Fahrten unzweifelhaft zusammen. Ein Frau erhält zwei Briefe im November, in denen ein Unbekannter sie an seinem Leben teilhaben lässt. Ein alter Mann beobachtet auf einer Apfelplantage die Anfänge einer jungen Liebe und wird von der eigenen, die ein halbes Jahrhundert zurückliegt, ein zweites Mal erschüttert. Um Verlust und Flüchtigkeit geht es in Anja Jardines dichten Erzählungen - und um den unendlichen Reichtum, der selbst in der namenlosen Begegnung liegen kann. Selten geht es um Liebespaare im eigentlichen Sinne, und dennoch sind es ausnahmslos Geschichten von der Liebe.
"Alle sind gut vernetzt, die Wege um den Globus kein Problem, und die Aussichten waren bis vor kurzem noch glänzend. Doch plötzlich herrscht in den innersten Bezirken schiere Einsamkeit, versierte Weltläufigkeit schlägt um ins Eisige. Anja Jardine trifft den Punkt, vielsagend, erfahrungsreich." (Eberhard Falcke)

Leseprobe beim Verlag Kein & Aber

4. - 5. (9.-10.) 35 Punkte

HIROMI KAWAKAMI: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

Eine Liebesgeschichte
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler.

Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Hanser Belletristik
Auflage: 1 (9. Februar 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3446209992
Mittelschwere Lektüre

Eine selbstbewusste Frau, ein alter, weiser Mann, reichlich Sake, etwas Walfischspeck und immer wieder Lotuswurzel - Zutaten dieser stillen, faszinierend fremden Liebesgeschichte aus Japan. Tsukiko ist achtunddreißig und lebt allein. Zur Liebe, glaubt sie, sei sie nicht begabt. Da trifft sie in einer Kneipe ihren alten Japanisch-Lehrer wieder, den sie nur den Sensei nennt. Auch er lebt allein, in einer etwas verwahrlosten Wohnung, wo er merkwürdige Gegenstände sammelt. Einer sucht die Nähe des anderen und scheint gleichzeitig vor ihr zu fliehen. Selten wurde die Annäherung zweier Menschen so subtil und zugleich eindringlich beschrieben.
Sie ist Ende dreißig und immer noch auf der Suche - ohne wirklichen Antrieb. Er ist in den 60ern, verwitwet und nicht ganz sicher, ob er sein Leben nicht schon gelebt hat. Und: Er ist ihr ehemaliger Japanischlehrer. Sie treffen sich zufällig. Immer wieder. Eine Liebesgeschichte beginnt, eine Annäherung - mit den Mitteln der Distanz.

Leseprobe beim Hanser Verlag

4. - 5. (-) 35 Punkte

REINER STACH: Kafka

Die Jahre der Erkenntnis

Gebundene Ausgabe: 726 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
Auflage: 1 (Juni 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3100751195

Mittelschwere Lektüre

Der erste Band, 2002 unter dem Titel Kafka. Die Jahre der Entscheidungen erschienen, übte auf zahlreiche Leser eine sogartige Wirkung aus. Vor allem der Wechsel zwischen essayistischen und literarischen Passagen, die szenische Vergegenwärtigung, die bisweilen an die Erzählformen des Films erinnert, führt sehr nahe an Kafkas private Existenz und eröffnet zugleich das Panorama seiner Zeit. Rechtzeitig zum Kafka-Jubiläum 2008 kann nun der Fortsetzungsband Kafka. Die Jahre der Erkenntnis erscheinen, der die Jahre von 1916 bis zu Kafkas Tod 1924 behandelt - eine Zeit, in der Kafkas vertraute Welt unterging, politisch ebenso wie physisch. Er war nun deutscher Jude mit tschechischem Pass, und er litt an einer Krankheit, welche die seit Jahren erträumte literarische Existenz unmöglich machte. Beides steigerte seine Hellsicht: Für Kafka wurden es die Jahre der Erkenntnis.
"Vollständiges Begreifen meiner Lage", das ist das Motto von Franz Kafkas Schreiben. Eine unendliche Analyse, die die Welt und unser Denken radikal verflüssigt. Und uns in Bewegung hält, weil wir als Kafka-Deuter den Strom kanalisieren wollen.Wie vollständig man Kafkas Leben begreifen kann, beweist Reiner Stach im zweiten Band seiner großen Kafka-Biographie, die vom Jahr 1916 bis zu Kafkas Tod im Jahr 1924 reicht.

6. (-) 34 Punkte

SIEGFRIED LENZ: Schweigeminute

Novelle.

Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum: 5. Mai 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3455042849
Leichtere Lektüre

Der 82jährige Siegfried Lenz hat noch einmal alle überrascht: "Schweigeminute" erzählt eine Liebesgeschichte zwischen Stella, der Lehrerin, und ihrem Schüler Christian, dringlich und distanziert zugleich, einfühlsam und zurückhaltend; ein leidenschaftliches Verhältnis, das ohne Zukunft bleibt. Bleiben muss.

Leseprobe beim Verlag Hoffmann & Campe

7. (-) 31 Punkte

IRIS HANIKA: Treffen sich zwei

Roman.
Gebundene Ausgabe: 238 Seiten
Verlag: Literaturverlag Droschl
Auflage: 2 (Februar 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3854207375

Leichtere Lektüre

Man weiß nicht, wann sie es tut, und man weiß nicht, wo es sein wird, aber eines ist gewiss - irgendwann schlägt die Liebe zu: "Was da jetzt geschehen ist, das ist eine Fuge im Leben oder ein Riß durch die Zeit oder ein Bruch in der Welt, was auch immer." Hier geschieht es zweien, die schon seit geraumer Zeit allein durchs Leben zu gehen gewohnt sind, und es trifft sie wie aus heiterem Himmel: er hat die wunderbarsten Augen der Welt, und sie ist so schön, dass er glaubt, er habe Halluzinationen. Der Zustand hält natürlich nur wenige Tage an. "Was für ein Blödsinn das alles, dieses Gemache und Getue. Daß man nicht einfach normal sein konnte! Daß das alles immer so kompliziert sein muß." Es muss, und sei's nur zum Nutzen der Literatur und zur Erhöhung des Lesevergnügens. "Treffen sich zwei" ist ein Liebesroman für Erwachsene und ein Heimatroman aus Berlin-Kreuzberg. Er handelt vom Begehren und von den Ängsten, vom Berufsleben eines Systemberaters und den Zuständen einer begnadeten Hysterikerin. Sexratgeber kommen zum Einsatz, Musik, Songtexte und klassische Stellen über die Liebe, dazu Alkohol und Eigenurin-Therapien. Iris Hanika ist eine liebevolle und unbestechlich genaue Beobachterin des Gefühlshaushalts von uns Zeitgenossen; und ihr Witz, ihre Genauigkeit und sprachliche Eleganz demonstrieren mit leichter Hand, warum dieses älteste Thema der Literatur uns allen so am Herzen liegt.

"Da wird vom rührenden Glück zweier Tölpel erzählt, durchaus heutiger Tölpel in durchaus heftig-heutiger Sprache - na ja, wie die Leute halt in Berlin so reden, und dann wird auch wieder ganz albern-schwebend erzählt von Momenten, in denen die beiden lächelnd und zart einverstanden sind damit, in der Welt zu sein, in diesem Moment, in dieser Stadt, und das Tolle ist, dass man tief bewegt mit den beiden sympathisiert und denkt: So geht es manchmal auch, ja, doch, solche Erfahrungen gelungenen Lebens kann man bisweilen schon machen." (Jörg Drews)

8. (4. - 5.) 28 Punkte

KATHARINA FABER: Fremde Signale

Ein Album. Roman.

Gebundene Ausgabe: 329 Seiten
Verlag: Bilgerverlag
Auflage: 1 (März 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3908010906

Mittelschwere Lektüre

Drei Schutzengel erzählen von Katharina, die in den friedlichen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zu Welt kommt. Drei Engel, die selber Schutz gebraucht hätten, das wird immer klarer: Michail, sowjetischer Soldat, der im Kampf gegen die Deutschen fällt, Linette, die kurz vor der Französischen Revolution jung einer Hirnhautentzündung erliegt, und Boris, ein hochbegabter Außenseiter, der mit 13 Jahren an Krebs stirbt.

Katharina Fabers Roman erzählt die Geschichte der drei jungen Toten Michail, Linette und Boris, die als Schutzengel ausgeschickt sind, über das Leben eines in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geborenen Mädchens zu wachen. Wenn die Toten als Schutzengel zu uns reden, tun sie das nicht in einer Sprache oder mit den Zeichen einer Sprache. Wenn sie warnen, werden sie oft nicht verstanden, weil die Signale, die sie uns übermitteln, fremde Signale sind. »Attali wäre uns um ein Haar gestorben. Sie hat zu viel Lavendelblüten gegessen. Ich war allein mit ihr. Boris war wieder unmöglich lange bei seiner Mutter und Michail war bei seinem Vater, der vor ein paar Wochen aus einem Straflager entlassen wurde.« Michail Sledin, 1925 - 1942 Linette Grandchance, 1760 - 1776 Boris (Bob) Tomba, 1938 - 1951 »Wir wollen nicht, dass man uns vergisst. - Wir hatten Körper, Wünsche, Träume. - Wir waren. - Sind. - In diesem Album sind wir. Weil es von uns erzählt.«

Hörprobe beim SWR

9. (-) 27 Punkte

ALBERTO VIGEVANI: Ende der Sonntage

Zwei Erzählungen.
Aus dem Italienischen übersetzt von Marianne Schneider.

Broschiert: 142 Seiten
Verlag: Friedenauer Presse
Erscheinungsdatum: Juni 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3932109546

Leichtere Lektüre

Zwei Erzählungen, zwei melancholische Abschiede: da war einmal der Gaukler, Zauberer und Clown, Signor Cavallini, das Herzstück eines Varietés, und dann der Financier Herr Alzheryan, ein Freund des Vaters.Gestalten aus der Kindheit, gerade noch selbst modern, fallen sie der Moderne zum Opfer.

Jede der beiden Geschichten ist einem Mann gewidmet, der in der Kindheit des Erzählers eine wichtige Rolle spielte. Signor Cavallini, der Held der titelgebenden Erzählung, von Beruf Juwelenhändler, ist nebenbei ein begnadeter Gaukler, Zauberer, Schauspieler und Clown. Seine Gegenwart belebt die Sonntagnachmittage im Haus der Großtante des Erzählers, wo die zahlreiche Familie zusammenkommt. Seine Darbietungen sind von äußerster Perfektion, er schlüpft in alle Rollen, tragische und komische, hat jeden Muskel seines Gesichts und seines Körpers in der Gewalt, so daß er jedes Mal wie ein anderer wirkt. Mit der Tod der Großtante enden die Sonntagsvorstellungen: Ein großes Kostümfest ist geplant, doch das Fest findet nicht statt. In der Zeit der Börsenkräche, Turbulenzen und allgemeinen Depresseionen versucht Cavallini sich das Leben zu nehmen...

10. - 12. (-) 21 Punkte

LUKAS BÄRFUSS: Hundert Tage

Roman.

Gebundene Ausgabe: 197 Seiten
Verlag: Wallstein
Erscheinungsdatum: März 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3835302716

Mittelschwere Lektüre

Er ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker. In seinem ersten Roman erzählt Bärfuss eine Liebesgeschichte in den Zeiten des Völkermords: David ist Entwicklungshelfer in Ruanda. Er bleibt im Land, als das Gemetzel beginnt. Am Ende flieht er mit den Mördern über die Grenze. Und trifft im Flüchtlingslager seine einstige Liebe wieder.
Obwohl er einen historischen Stoff behandelt, ist »Hundert Tage« von bedrückender Aktualität: Ob jüngst in Kenia oder nach wie vor in Darfur ? das Schema des ruandischen Völkermords setzt sich ebenso fort wie unser Versagen.

Leseprobe beim Wallstein Verlag

10. - 12. (-) 21 Punkte

ROMAIN GARY: Frühes Versprechen

Roman.
Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni.

Gebundene Ausgabe: 415 Seiten
Verlag: Schirmergraf
Auflage: 1 (März 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3865550491

Mittelschwere Lektüre

Eine Mutter, die sich auf ihren Sohn fixiert und sich für ihn eine große Zukunft ausdenkt: als Schriftsteller, als Botschafter, als Größe im französischen Geistesleben. Ein Sohn, der die frühen Versprechen alle erfüllt und einen autobiographischen Roman darüber schreibt - ironisch, leichthändig. Eine Art Liebeserklärung und ein Beweis dafür, dass die Phantasie sehr wohl die Wirklichkeit bestimmen kann.

Erst sollte er Geigenvirtuose werden wie Yehudi Menuhin, dann Tänzer wie Nijinsky, um Himmels willen kein armer Schlucker wie Van Gogh, dann doch lieber ein Victor Hugo, ein Tolstoi, ein Goethe. Madame Kacew, die exaltierte Schauspielerin aus Kursk hatte nur eines im Sinn: Ihr Sohn würde die ihm unwürdige Welt der Gaukler und Gelegenheitsarbeiter überwinden, in der er aufgewachsen ist, sie würde ihn zum waschechten Franzosen machen, der für De Gaulle in den Krieg zieht, höchste diplomatische Weihen erfährt und zum gefeierten Bestsellerautor avanciert. Die schönsten Frauen würden ihm zu Füßen liegen, wobei natürlich keine ihm, das heißt ihr, Madame Kacew, das Wasser reichen könnte. Den einzigartigen Fall, wo nicht die Wirklichkeit zu Literatur, sondern die Literatur zur Wirklichkeit wurde, schildert Romain Gary mit brillanter Selbstironie, mit unerbittlichem Humor und mit unendlicher Liebe für die verrückteste, anstrengendste, ungewöhnlichste Mutter der Welt.

10. - 12. (-) 21 Punkte

VIRGINIA WOOLF: Tagebücher 5 / 1936 - 1941

Herausgegeben von Klaus Reichert. Aus dem Englischen von Claudia Wenner.

Gebundene Ausgabe: 592 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
Auflage: 1 (Juni 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3100925664

Mittelschwere Lektüre

Schreiben war Rettung und Bedrohung zugleich für Virginia Woolf, es war ihre Flucht aus der Realität und es führte sie in die äußerste Erschöpfung, an den Rand des Lebens. In den Tagebüchern aus ihren letzten Jahren ist dies besonders deutlich wahrzunehmen. Zwei Romane und eine Biographie entstehen in dieser Zeit, sowie der große Essay Drei Guineen, ein leidenschaftlicher Aufruf, Kriege zu verhindern. Engagiert und besorgt kommentiert sie täglich die weltpolitische Entwicklung und schließlich den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ihre Londoner Wohnung wird verwüstet; im Landhaus in Südengland droht die Gefahr einer deutschen Invasion. Während der letzten Arbeiten an dem Roman Zwischen den Akten kann sie der Verdunkelung ihres Gemüts nicht mehr standhalten.

Der letzte Band der Tagebücher. Sie enden mitten im Krieg, die Bedrohung durch die Deutschen wird immer größer. Die Londoner Wohnung ist durch Bomben zerstört, nachts fliegen deutsche Flugzeuge über Südengland hinweg. Virginia Woolfs Depressionen werden immer dunkler und unbeherrschbarer. Das Schreiben hilft und erschöpft. Am 28. März 1941 nimmt sie sich das Leben.

Leseprobe beim SchirmerGraf Verlag

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