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Dieter Wellershoff:
Der Himmel ist kein Ort

14,90 €

Titel Der Himmel ist kein Ort : Roman / Dieter Wellershoff
Autor: Wellershoff, Dieter
Ausgabe: 1. Aufl.
Verleger Köln: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2009
Umfang/Format: 299 S. ; 21 cm
ISBN: 978-3-462-04134-7
EAN: 9783462041347
Einband: Pp.
Schlagwörter Pfarrer ; Evangelische Kirche ; Lebenskrise ; Tödlicher Verkehrsunfall ; Schuld ; Belletristische Darstellung
Zustand: gut bis sehr gut erhalten

In Dieter Wellershoffs aktuellen Werk ?Der Himmel ist kein Ort? blitzt etwas von jener Melancholie und Zerrissenheit auf, die seine Arbeiten von je her ausmachen. Darin erzählt er die Geschichte des Dorfpfarrers Ralf Henrichsen, der an sich und seiner Aufgabe zu zerbrechen droht. In einer regendurchfluteten Nacht wird er als Notfallseelsorger zu einem Unfallort gerufen. Ein Autofahrer ist von der Straße abgekommen und mit seinem Wagen in einem See gelandet. Die Frau des Fahrers kommt bei dem Unfall ums Leben, das Kind wird schwerverletzt in ein Krankenhaus eingeliefert und fällt kurz darauf ins Koma. Allein Karbe, der Fahrer selbst, hat das Unglück körperlich unbeschadet überstanden. Was Anlass zu etlichen Spekulationen gibt.

Der Pfarrer ist mit der Situation überfordert. Zu den Zweifeln an seinem eigenen Glauben gesellen sich die Zweifel an Karbes Schuld. Wie soll er Hilfe leisten, wie Position beziehen, wenn sich der Unfallfahrer so offensichtlich nicht helfen lassen will? Im Laufe der folgenden Tage erfährt er immer mehr widersprüchliche Details über die Ehe des verunglückten Paares, über die Streitigkeiten innerhalb der Familie, über Eifersucht und Seitensprünge. Kein Wunder, dass die Gemeinde sich über der Frage nach der Unfallschuld langsam in zwei Lager spaltet.

Dieter Wellershoff war von je her ein Grübler unter den Autoren. Er hat keine Angst vor langen Gedankenkaskaden und vertritt noch heute seinen konsequenten Realismus, mit dem er einst, in den 60er Jahren, den Versuch einer Kölner Schule innerhalb der jungen deutschen Literatur wagte. Weiser ist er geworden seitdem, altersweise, möchte ich meinen, und seine Helden verspüren immer weniger den Drang zu handeln, ziehen sich in Betrachtungen ihrer selbst und der sie umgebenden Welt zurück. Das liest sich angenehm unaufgeregt, und fast könnte man meinen, eine kleine Perle der aktuellen deutschen Literaturszene geborgen zu haben, wenn, ja wenn ...

Die Geschichte um den Pfarrer Henrichsen und den Unfallfahrer Karbe bricht an einem bestimmten Punkt des Romanes abrupt ab. Henrichsen fährt auf eine Tagung, die im Text lange angekündigt ist. Und er will eine Frau treffen, die ihn seit etlichen Wochen mit stürmischen Liebesbriefen den Hof macht. Auch das ist angekündigt, kommt also nicht wirklich überraschend.

Diese interdisziplinäre Tagung zur Rolle der Kirche im säkularisierten Staat ist dramaturgisch gesehen ein echter Fehler. Sie hätte zu so etwas wie zur geistigen Mitte, dem gedanklichen Überbau des Romans werden können, und wahrscheinlich war sie auch als solche geplant. Die Idee, Redner aus verschiedenen Fachrichtungen zum Thema Religion mit Auszügen ihrer Reden in den Roman aufzunehmen, ist als postmoderner Ansatz verheißungsvoll ? wäre er denn durchführbar gewesen.

Allein, Wellershoff mag sich mit diesen verschiedenen Ansätzen zur Religion von der Philosophie über die Psychoanalyse, die Historik bis zur Soziologie beschäftigt haben ? in seinen kurzen Wortbeiträgen fehlt ihnen jegliche Eigenständigkeit im Duktus, jegliche gedankliche Lucidität. Alles klingt nach Wellershoff. Und in seinem Versuch, diese Denkansätze für ein breites Lesepublikum plausibel darzulegen, klingt alles ungemein nach Allgemeinplatz. Dieses Problem hat Wellershoff schnell erkannt, ohne es dadurch in den Griff zu bekommen. Sei es, weil der Roman zu einem bestimmten Punkt in den Druck gehen musste und ihm die Zeit für eine adäquate Umsetzung fehlte, sei es, weil er an der Durchführbarkeit der anspruchsvollen Idee scheiterte: mehrmals lässt er seinen Protagonisten und die anderen Tagungsteilnehmer über die mangelnde Qualität der Redebeiträge lästern, um so dem Leser zu verstehen zu geben, dass er das Problem selbst wahrnahm.

Damit aber verletzt er eine der wichtigsten Regeln der Dramaturgie. Nämlich die, die Geschichte von allem Belanglosen zu befreien und sich beim Erzählen auf das zu konzentrieren, was wesentlich ist. Wenn er für sich selbst entdeckt, dass seine Schilderung der Tagung nicht in der Lage ist, neue Impulse für die Haupthandlung selbst zu vermitteln, macht es keinen Sinn, diese im Text derart aufzublähen. Kein Wunder, dass mehrere Rezensenten ? so sie denn überhaupt so weit gelesen und nicht einfach andere emphatische Rezensionen plagiiert haben, von diesem Punkt an vom Roman enttäuscht sind.

Auch die folgende Episode in Hamburg, in der Henrichsen auf die in ihn verliebte ältere Briefschreiberin trifft, endet ? nahezu folgerichtig ? in Belanglosigkeiten. Hier mag man Wellershoff seinen Realismus zugute halten, der alles andere ohnehin unterbunden hätte. Eine stürmische Beziehung, die den Dorfpfarrer von heute auf morgen aus seinem mentalen Loch herausreißt, ein Liebes-Happy-End quasi, wäre für einen anderen Autoren eine Option und notfalls sogar theologisch zu legitimieren gewesen. In ?Der Himmel ist kein Ort? jedoch ? übrigens ist der Titel ein Zitat, das er einer jungen, auf der Tagung spielenden Rap-Band in den Mund legt ? hätte es mehr als aufgesetzt gewirkt. So bleibt auch hier eine gewissen Ratlosigkeit im Raum hängen, die noch gesteigert wird, als wir vom weiteren Verbleib der älteren Dame erfahren.

Wenn der Himmel wirklich nur ein Gefühl ist, wie der Rapsong nahe legt, warum fühlen wir uns dann als Christen nicht besser? Warum freuen wir uns dann nicht der Erlösung, wie schon Nietzsche fragte. Müsste man den Gesichtern der Christen nicht etwas von jener Freude ansehen? Nach der Lektüre dieses Romans, der über weite Strecken sehr glaubwürdig und einfühlsam daherkommt, spüren wir etwas von jener Schwere, die gerade das Berufschristentum mit sich bringt. Das macht das Buch gerade in diesen Tagen ungeheuer aktuell.

sam


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