|
Titel: Der Junge, der im Schnee schlief / Henning Mankell Dt. von Angelika Kutsch
Verfasser: Mankell, Henning
Verleger: Hamburg : Oetinger
Erscheinungsjahr: 2001
Umfang/Format: 199 S. ; 20 cm
ISBN: 3-7891-4213-1
Einband/Preis: Pp. : 10,90 Euro
Schlagwörter: Nordschweden ; Männliche Jugend ; Neujahrswunsch ; Geschichte 1958 ; Jugendbuch
Zugegeben, der Klappentext hat mich nicht umgehauen. Was interessiert mich ein Junge von 13 Jahren, der einmal das Meer und ein richtig nacktes Mädchen sehen will? Warum eine Geschichte, die in der dunklen Vergangenheit der 50er Jahre spielt?
So stand das Buch bei mir lange im Regal, ungelesen, ungeliebt. Und das, obwohl ich natürlich wie alle anderen die Wallander-Romane Mankells verschlungen habe. Mich verliebt habe in den detailreichen Stil des schwedischen Autors, in seine sanfte Psychologie, die nie belehrend, nie wissend daherkommt, sondern immer ahnend, fühlend.
Die Geschichte „Der Junge, der im Schnee schlief“ braucht ein klein wenig, bis sie in die Gänge kommt. Wirkt zunächst wie ein etwas verunglücktes Kinderbuch, das mit den gängigen Klischees spielt. Für Joel beginnt das Jahr mit Einbruch des Winters, mit dem ersten Schnee. Dann fällt er seine Neujahrsvorsätze, keine „Ab heute werde ich...“-Idiotien, sondern einen Jahresplan, ganz modern. Und er überlegt sehr klar, wie er diesen Plan umsetzen soll. Dazu gehört, sich dem weiblichen Geschlecht anzunähern. Dazu gehört auch – sein Papa Simon ist gestrandeter Seemann – endlich einmal das Meer zu sehen. Und abhärten will er sich, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.
Joel lebt allein mit seinem Vater Simon. Seine Mutter hat die beiden vor Jahren verlassen. Eine Zeitlang hatte Papa eine neue Liebe gefunden. Aber die will nun nichts mehr von ihm wissen. Sie würden nicht zusammen passen. Jetzt muss Joel Simon wieder regelmäßig aus der Kneipe holen, und das, obwohl seine Tage gerade wieder spannend zu werden beginnen. Er lernt Gitarre spielen, verliebt sich und ist so jeden Abend unterwegs. Dann rettet er sogar noch einen Nachbarn und wird so zum Helden der kleinen Stadt. Nur seine Idee, sich abzuhärten, indem er in einem alten Bett im Freien schläft, erweist sich als wenig brauchbar. Schon in der ersten Nacht wacht er unter einer weißen Schneeschicht auf, das Bett vom schmelzenden Schnee halb durchweicht.
Stark wird die Geschichte dort, wo Mankell die aufkeimende Neugier Joels auf das andere Geschlecht beschreibt, mit all den Versuchen, sich seiner Angebeten zu nähern, seinen Versuchen, richtig küssen zu lernen und zu verstehen, wie man sich als Mann gegenüber einer Frau zu verhalten hat. Mankell schildert das augenzwinkernd, ein wenig wie Mark Twain seinerzeit die Annäherung von Tom Sawyer zu seiner Becky. Das geht natürlich nicht ohne Blessuren ab, zumal als „der Windhund“, eine Klassenkameradin, ihm eine üble Falle stellt. Aber hartnäckig, wie Joel seine Ziele verfolgt, schmunzele ich über weite Strecken des Buches, liebe es gerade für die Naivität, mit der Mankell Joel ausstattet, für all die schrulligen Nebenfiguren, die im Roman auftauchen und für den sozialen Realismus, mit dem der Autor dem Buch seinen unverkennbaren Stempel aufdrückt. Sam
«Joel ist dreizehn und will endlich erwachsen werden. Und er will weg aus dem Nest im hohen Norden, in dem er lebt. Es wird ihm zu eng - wie die Stiefel vom letzten Winter. Von Winter, Schnee und Wäldern hat Joel genug. Er will das Meer sehen. Und ein nacktes Mädchen. Er weiß auch schon, wen: die neue Verkäuferin aus Stockholm. Nur sie weiß es noch nicht. Wie kann man Mädchen imponieren? Man braucht Geld und müsste berühmt sein. Joel beschließt, Schwedens jüngster Rock-König zu werden, so eine Art „Schnee-Elvis“. Bei der Verwirklichung seiner Ziele ist er ausdauernd und trickreich. Aber in diesem Winter muss er erfahren, dass es Dinge im Leben gibt, auf die man keinen Einfluss hat, und dass man sich irgendwann nicht mehr einfach von allem wegträumen kann.
Eine Kindheit in den fünfziger Jahren - schon so lange her und doch nicht so lange. Und es passiert immer noch und jeden Tag: Ein Kind wächst und wird erwachsen. Und das ist zu keiner Zeit leicht gewesen, ganz gleich, ob man ein Junge oder ein Mädchen ist.
Lange Zeit passierte gar nichts und dann passierte alles zugleich. Wie in jenem Winter, als Joel beschloss, 100 Jahre alt zu werden, und sich zum Abhärten in den Schnee schlafen legte.» (Verlagstext)
|